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Meeresbiologie:Hippie-Kommune im Ozean

Kooperation, nicht Wettbewerb bestimmt das Leben der Meeresbewohner: Eine ambitionierte Forschungsexpedition hat eine Inventur der Kleinstlebewesen in Ozeanen vorgenommen.

Von Robert Gast

Wenn die Wolken tief hängen, wirkt er grau, bei Sonnenschein blau, im Abendlicht rubinrot. Doch eigentlich sieht man den Ozean gar nicht, wenn man aufs Wasser schaut. Man sieht nicht, dass jeder Liter der Meere ein Kosmos für sich ist. Myriaden von Bakterien und Viren leben darin, zusammen mit Algen, winzigen Krebsen und Mini-Quallen wie der aus der Familie der Turritopsis nutricula. Es ist ein Ökosystem, das bisher nur ausschnittsweise erforscht ist. Das aber große Mengen CO₂ bindet und viel von jenem Sauerstoff produziert, den Menschen atmen.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science präsentieren fünf Forscherteams die bisher umfangreichste Inventur dieses maritimen Lebensraums. Die Daten stammen vom französischen Forschungsschiff Tara, das dreieinhalb Jahre lang über die Weltmeere kreuzte. Die Meeresbiologen an Bord des Segelschiffs haben an Hunderten Orten Wasserproben gesammelt.

Darin schwimmen nicht nur Zehntausende bisher unbekannte Einzeller und Viren, in deren Erbgut Millionen unbekannte Gene stecken. Mit Mikroskopen, Erbgutanalysen und Computersimulationen konnten die Forscher auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Meeresbewohnern rekonstruieren. Das überraschende Ergebnis: Im Ozean gelten andere Regeln des Zusammenlebens als auf dem Festland.

Während bei Säugetieren Groß meist Klein frisst, scheinen im Algenreich Kleinstlebewesen die Regeln zu bestimmen. Sie leben oft in enger Symbiose mit oder als Parasiten auf Kosten größerer Lebewesen.

"Es sieht so aus, als sei Wettbewerb weniger wichtig als Kooperation"

Als Beispiel einer Symbiose nennt das Forscherteam um Gipsi Lima-Mendez vom Forschungszentrum EMBL in Heidelberg einen wenige Millimeter großen Plattwurm namens Symsagittifera, in dessen Darm winzige Algen hausen. Diese verarbeiten Nährstoffe, die der Wurm zu sich nimmt und scheiden als Gegenleistung Stickstoff aus, den Symsagittifera braucht. Ähnliche Formen des Zusammenlebens gebe es bei verschiedensten Plankton-Organismen in den oberen 200 Metern der Ozeane, schreiben die Forscher.

Man muss sich die Weltmeere also wohl als eine Art Hippie-Kommune vorstellen. "Es sieht so aus, als sei Wettbewerb weniger wichtig als Kooperation", sagte Tara-Projektleiter Eric Karsenti bei der Vorstellung der Ergebnisse. Im Mikrokosmos der Meere gehe es nicht nur um das Überleben des Stärkeren. "Leben entfaltet sich auch, weil jeder mit jedem zusammenarbeitet." Diese Art Ökosystem könnte jedoch anfällig für steigende Temperaturen sein, wie sie im Zuge des Klimawandels zu erwarten sind, warnen die Forscher.

Bei der Fahrt der Tara ging es jedenfalls um mehr als Wissenschaft. Die Mission sollte auch ein Bewusstsein für den Wert der Meere schaffen. Immer wieder nahmen die Biologen Passagiere auf, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum Beispiel, oder Kinder aus den Favelas von Rio de Janeiro.

Die Botschaft: Menschen sollten nicht nur den Regenwald würdigen, sondern auch die Ozeane. Gelegenheit dazu gibt es am 8. Juni. Seit 2008 rufen die Vereinten Nationen an diesem Tag zum "World Oceans Day" auf. Man kann dann zum Beispiel ans Meer fahren, in die Ferne schauen - und an all das Leben im Wasser denken.

© SZ vom 22.05.2015/fued
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