Medizin Zwischen Stethoskop und Smartphone

Smartphone und Laptop gehören für den Arzt heute dazu.

(Foto: Rawpixel/UNSPLASH)
  • Vom Arzt wird heute auch jede Menge digitale Kompetenz erwartet. Das verändert den Beruf und die Ausbildung enorm.
  • Medizinstudierende werden bisher nicht ausreichend auf die Möglichkeiten und Grenzen neuer Technik vorbereitet.
  • Zum anderen stellt sich die Frage, ob angehende Ärzte angesichts des überall verfügbaren Wissens noch so viel auswendig lernen müssen.
Von Werner Bartens

Der Arzt von heute ist ein leidgeprüftes Wesen. Seine jahrhundertelang stolz präsentierten Statussymbole haben längst an Strahlkraft verloren. Das Stethoskop beispielsweise hängen sich viele Mediziner nur noch zu dekorativen Zwecken um den Hals - oder damit man sie im weißen Kittel nicht mit dem Friseur verwechselt, wie böse Zungen behaupten. Der weiße Kittel selbst habe sowieso keinen praktischen Wert, sondern diene lediglich der Psychohygiene der Doktoren, lästerte Hygiene-Experte Franz Daschner vom Uniklinikum Freiburg schon vor 20 Jahren. Kein Wunder, dass die Zunft verunsichert darüber ist, welche Anforderungen künftige Ärzte zu meistern haben - und was Medizinstudierende heute überhaupt noch wissen und lernen sollten.

Die ETH Zürich, die 2017 in die Ärzteausbildung eingestiegen ist und seit vergangenem Jahr einen Bachelorstudiengang Medizin anbietet, hat kürzlich unter dem Schlagwort "Digital Health" in einer kleinen Leistungsschau gezeigt, welche technischen Neuerungen auf den Arzt der Zukunft zukommen könnten. Da ist etwa die Virtual-Reality-Brille, mit deren Hilfe sich die Schädelöffnung während einer Obduktion beobachten und erlernen lässt. Die Schnittführung ist ebenso plastisch zu erkennen wie die verschiedenen Bereiche von Kortex bis Hirnstamm, sowie der Verlauf der Hirnnerven.

Ein paar Schritte weiter führen Präzisionsroboter in die Technik mikrochirurgischer Eingriffe am Auge ein. Mit dem "Lab on a Chip" lässt sich die Blutuntersuchung per Mobiltelefon bewerkstelligen. Am nächsten Stand zeigt Jörg Goldhahn, wie sich Ultraschallbilder auf dem Smartphone anschauen und vergrößern lassen. Der kleine Schallkopf ist über ein Kabel direkt mit dem Handy verbunden, sonst braucht es nichts dazu. Mit Hilfe einer App sind die Bewegtbilder sofort sichtbar und können sowohl an einem größeren Bildschirm als auch Tausende Kilometer entfernt in Echtzeit angesehen werden. Der Arzt der Zukunft braucht wohl vor allem ein Smartphone, so der Eindruck, auf jeden Fall aber digitale Kompetenz.

Gesundheitswesen Ärztetag spricht sich für Behandlung per Video aus
Telemedizin

Ärztetag spricht sich für Behandlung per Video aus

Das Gremium lockert das Fernbehandlungsverbot. Weitere Hürden sind noch zu überwinden, doch manche Ärzte fürchten bereits um den medizinischen Standard.   Von Michaela Schwinn

"Unsere Studenten müssen auf die Flut von Informationen aus dem Internet vorbereitet werden, sie müssen Daten und deren Quellen bewerten können und ebenfalls mit Patienten umgehen können, die schon vorinformiert in ihre Praxis kommen", sagt Goldhahn, der das ETH-Projektteam für die neue Bachelor-Ausbildung leitet. "Bei aller Technologie und Information geht es am Ende aber immer noch um Patienten. Daher treffen unsere Studenten schon im ersten Semester auf Patienten und werden im Laufe des Studiums diese Interaktionen gemeinsam mit klinischen Partnern weiterentwickeln." Ärzte sollen künftig ja nicht nur technische Skills beherrschen, sondern den Patienten auch vermitteln können, wie es um sie steht. Kranke wie Gesunde wünschen sich schließlich keinen medizinischen Ingenieur, sondern einen warmherzigen und verständnisvollen Doktor.

Joachim Buhmann, Professor für Maschinelles Lernen an der ETH stellt dennoch die Frage, wie lange der Arzt seine Rolle als Medizinexperte und damit die Deutungshoheit über das, was krank und gesund heißt, überhaupt noch innehaben wird. Man könne Ärzte oftmals ja auch "als schlecht gewartete Datenbank mit unzuverlässigem Zugriff" sehen. Die viel beschworene Erfahrung älterer Ärzte bekäme mittelfristig ebenfalls Konkurrenz durch die Fortentwicklung der künstlichen Intelligenz. Während der Arzt noch in seinem löchrigen Gedächtnis kramen muss, haben Computer die Einzelfälle und Kuriosa der Heilkunde sicher gespeichert und ergänzen sie jederzeit um seltene Fallbeispiele oder andere Normvarianten, die einzelne Patienten besonders machen und spezielle Behandlungswege für sie erfordern.

"Medizinstudierende werden bisher nicht adäquat darauf vorbereitet, die Herausforderungen der digitalen Medizin zu meistern", sagt Martin Fischer, Didaktikexperte und Studiendekan für Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Dazu gehört insbesondere die bewusste Nutzung digitaler Werkzeuge und deren kritische Bewertung."