Medikamentensucht:Arme Schlucker auf Rezept

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Schleichend und im Verborgenen werden Menschen medikamentenabhängig. Dass ihre Sucht oft lange Zeit unentdeckt bleibt, hat auch mit den Ärzten zu tun.

Nadeschda Scharfenberg

Vor vielen Jahren war das Leben des Manfred Weidemann so geordnet, dass er sich noch um die Ordnung im Leben anderer kümmern konnte. Weidemann, heute 60 Jahre alt, arbeitete als Dienstgruppenleiter bei der Polizei, ständig unterwegs im Namen von Sicherheit und Ordnung. Das sei anstrengend gewesen, erzählt er, aber er habe den Stress gemocht.

Medikamentensucht: Zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen sind in Deutschland abhängig von Medikamenten, hinzu kommen mehr als eine Million Suchtgefährdete. Die Tendenz ist steigend.

Zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen sind in Deutschland abhängig von Medikamenten, hinzu kommen mehr als eine Million Suchtgefährdete. Die Tendenz ist steigend.

(Foto: Foto: ddp)

Weidemann war ein glücklicher Mensch, bis 1986 der Unfall passierte, ein Crash im Dienstwagen. Quietschende Reifen, berstende Scheiben. Das Auto schleuderte aus der Spur und mit ihm das Leben des Herrn Weidemann.

Seine Halswirbelsäule war verletzt worden, aber das diagnostizierten die Ärzte erst später. Zunächst war da nur dieser diffuse Kopfschmerz, Weidemann schluckte Pillen, wurde fahrig. Man schickte ihn in den Innendienst, er langweilte sich, und die Schmerzen, die nun auch aus der Seele kamen, wurden immer schlimmer.

Weidemann bekam andere, stärkere Tabletten verschrieben, dann wurde er in den Vorruhestand versetzt, klagte dagegen und verlor. "Meine Töchter waren aus dem Haus, meine Frau bei der Arbeit", sagt Weidemann. "Ich saß da, hatte nichts, nur meine Schmerzen." Und seine kleinen Tröster aus der Schachtel.

Weidemann, ein etwas blasser Mann mit Igelfrisur, hat einen Block mitgebracht zum Termin in der Suchtklinik in Lippstadt, hat sich Notizen gemacht. In den letzten Jahren konnte er sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen, plötzlich sind ihm Wörter nicht eingefallen oder zeitliche Abläufe.

Jetzt aber ist der ehemalige Polizist dabei, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, da sichert er sich vor sich selbst lieber schriftlich ab, damit nicht wieder etwas schiefgeht. "Ich war nicht mehr der, der ich früher war", sagt er. Allerdings hat er selbst das bis vor wenigen Wochen, bis vor dem Entzug, weit von sich gewiesen. "Vieles", gibt er zu, "verstehe ich erst in der Rückschau".

Die Medizin selbst hat ihn krank gemacht

Vor allem versteht er jetzt, dass nicht die kaputte Wirbelsäule sein Hauptproblem war und nicht die "schmerzbedingte Depression", die ihm Ärzte attestiert und zu deren Bekämpfung sie ihm Beruhigungsmittel verordnet hatten. Weidemann weiß jetzt, dass es die Medizin selbst war, die ihn erst richtig krank gemacht hat.

22 Jahre lang hat er Tabletten eingeworfen, Thomapyrin zunächst, dann den Tranquilizer Lexothanil und verschiedene Schmerzmittel. Wenn er eine Pille wegließ, waren sofort wieder Schmerzen da, und die Traurigkeit. Was Weidemann nicht wusste: Es waren nicht die ursprünglichen Krankheitssymptome, die er spürte - sondern Entzugserscheinungen.

Zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen sind in Deutschland abhängig von Medikamenten, hinzu kommen mehr als eine Million Suchtgefährdete, Tendenz steigend. Zum Vergleich: Die Zahl der Alkoholkranken liegt bei 1,6 Millionen, schätzungsweise 150000 Menschen nehmen harte Drogen.

Trotzdem hört und liest man viel mehr von Alkoholikern und Junkies als von den Pillenschluckern, auch im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, der an diesem Montag vorgestellt wird, wird der Abschnitt "Medikamente" eher kurz gehalten sein. Über Arzneimittelsucht in einer sich ständig selbst überholenden Gesellschaft, die jedes Wehwehchen gerne mit Medizin bekämpft, hat Manfred Weidemann erst einen einzigen Artikel in die Finger bekommen - und ist ins Grübeln geraten.

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