Mammografie Tücken der Bilanz

Ein WHO-Gremium hat den Nutzen des Brustkrebs-Screenings neu bewertet. Trotz immer lauter werdender Kritik halten Experten an der Früherkennung fest.

Von Kathrin Zinkant

Es ist ein Prinzip, das den meisten Frauen einleuchtet: Wenn sie sich regelmäßig die Brust durchleuchten lassen, werden mögliche Krebsherde früh erkannt und können gut behandelt werden. Das von den Krankenkassen finanzierte Mammografie-Screening ist in den vergangenen Jahren dennoch in die Kritik geraten: Obwohl es einige Frauen vor dem Krebstod bewahrt, werden zugleich sehr viele Frauen mit harmlosen Tumoren unnötig behandelt.

Auch die Krebsexperten der Weltgesundheitsorganisation WHO haben sich daher für eine Neubewertung des Verfahrens ausgesprochen: "Verbesserte Ergebnisse der Therapie von fortgeschrittenem Brustkrebs" und neue Erkenntnisse zur Überdiagnostik - also zur Diagnose und Behandlung von nicht behandlungsbedürftigen Tumoren - machten eine Neu-Bilanzierung von Nutzen und Schaden nötig, schreiben sieben Autoren im Auftrag der in Lyon ansässigen Internationalen Agentur für Krebsforschung, IARC (New England Journal of Medicine, online).

Zahlreiche Experten außerhalb der IARC dürften diese Einschätzung begrüßt haben. In den vergangenen Jahren sind mehrere umfassende Analysen zum Thema erschienen. Vor allem eine sorgfältige Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration hatte 2013 ein vernichtendes Urteil gefällt. Für jede Frau, die durch das Screening nicht am Krebs stirbt, würden zehn Frauen unnötig behandelt - also operiert und meist auch chemotherapiert und bestrahlt. Umso ernüchternder erscheint der jetzt veröffentlichte Standpunkt der IARC: Obwohl die Fachleute viele Probleme des Screenings benennen, soll der Nutzen den Schaden der Reihenuntersuchung für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren überwiegen. Auf dieser Basis werden in Deutschland bereits Frauen zum Screening eingeladen.

Wie die Experten aus Lyon zu der verblüffenden Bestätigung des Status quo gelangt sind, bleibt derweil im Dunkeln, denn die Datengrundlage für das Fazit wurde bislang nicht auf der Webseite der IARC veröffentlicht. "Es ist ein inakzeptabler Missstand, dass eine solche Stellungnahme ohne die Bezugsquelle erscheint", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg. Dabei lassen sich bereits aus dem veröffentlichten Papier zahlreiche methodische Mängel ableiten. So betonen die Autoren der IARC sogar, sie hätten ältere Studien aus der Bewertung herausgenommen, weil sich die Behandlungsstandards mittlerweile geändert hätten. Die nun einbezogenen Daten aber stammen aus Studien mit noch dürftigerer Aussagekraft.

"Die meisten der zitierten Arbeiten sind methodisch nicht in der Lage, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Screening und Sterblichkeit herzustellen", sagt der Forschungsmethodiker Hans-Hermann Dubben vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und auch Odette Wegwarth vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hält die Darstellung der IARC-Vertreter für zweifelhaft. "Alle berichteten Risiken sind als relative Risiken ausgedrückt", kritisiert die Forscherin.

So ist in der Zusammenfassung von einem bis zu 40 Prozent niedrigeren Risiko die Rede, an Krebs zu sterben. Dem wird eine Zunahme der Überdiagnosen um 10 Prozent gegenübergestellt. Was eindeutig klingt. Tatsächlich aber können diese Zahlen bedeuten, dass auf ein bis zwei von 1000 Frauen, die am Screening teilnehmen, zehn Frauen kommen, die sich unnötigerweise einer Brustamputation und weiteren Behandlung unterziehen. Ganz zu schweigen von denen, die wegen falschen Alarms eine Biopsie mitmachen.

Für Patientinnen wird dabei nie erkenntlich, ob sie nun zu den wenigen Profiteurinnen gehören - oder doch zu der Mehrzahl von Opfern. Entsprechend schwer bleibt es für Frauen, sich für oder gegen das Screening zu entscheiden.