bedeckt München 29°

Luftverschmutzung:Nachbars Dreck

Eine Studie beziffert die grenzüberschreitenden Gesundheitsfolgen durch Kohlekraftwerke in der EU: Allein Deutschland und Polen verursachen demnach etwa 10.000 zusätzliche Todesfälle jährlich, vor allem im Ausland. Aber was bedeutet das?

Von Marlene Weiss

Es mag nicht die beste Zeit sein für die europäische Einigung. Und wenn es darum geht, gemeinsam den Übergang zu einer umwelt- und klimafreundlicheren Stromproduktion zu beginnen, funktioniert in Europa schon länger nicht mehr so viel. Bei dem Thema wird traditionell viel gestritten, jeder schaut auf seinen Vorteil.

Vielleicht ist darum der Ansatz einer Studie ganz schlau, die ein Netzwerk europäischer Umweltorganisationen am Dienstag veröffentlicht hat. Statt zum x-ten Mal zu zeigen, welche fatalen Folgen das sture Festhalten am Klimakiller Kohle hat, rechnen Umweltschutzorganisationen um den WWF und das Climate Action Network (CAN) vor, wie viele Todesfälle die schmutzigen Kraftwerke jährlich verursachen. Und zwar nicht nur im jeweils eigenen Land, sondern auch - und das ist ungewöhnlich - in den Nachbarländern, unter Berücksichtigung der vorherrschenden Windrichtungen.

Niemand fällt sofort um, wenn er in eine Kohlewolke gerät. Die Toten sind trotzdem real

Das Ergebnis ist eine grausige Kalkulation, die eher an Kriegszeiten erinnert: 4690 Tote in anderen Ländern gehen demnach jährlich auf das Konto des Kohlelandes Polen, 620 davon in Deutschland, 430 in Italien, 1420 in Ländern außerhalb der EU. Deutschland steht mit seinen alten Braunkohlekraftwerken nicht viel besser da: 2490 Tote im Ausland, allein 490 in Frankreich, das selbst kaum Kohlekraftwerke hat. Zusammen verursachten die beiden Staaten demnach im Jahr 2013 etwa 10 000 der geschätzt fast 23 000 vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung aus EU-Kohlekraftwerken, die Mehrheit davon im Ausland.

Das sind natürlich abstrakte statistische Hochrechnungen. Niemand gerät in eine schwarze Kohlewolke des Nachbarlandes, fängt an zu husten und fällt tot um. Trotzdem sind die Toten durch diese Abgase nicht weniger real als die durch Verkehrsunfälle (die sich mit 26 000 jährlich übrigens in ähnlicher Höhe bewegen). Dass Feinstaub, wie ihn Kohlekraftwerke emittieren, unter anderem Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten befördern kann, ist längst belegt. Insgesamt schätzt die europäische Umweltbehörde EEA die vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung in der EU auf mehr als 400 000 jährlich. Da Kraftwerke nach Haushalten, Verkehr und Industrie mit etwa sieben Prozent zur Feinstaubbelastung beitragen, ist die Größenordnung der WWF-Zahlen einigermaßen plausibel.

Trotzdem hinterlassen sie ein unbehagliches Gefühl. Ist es wirklich so weit mit Europas Energie-Gemeinschaft gekommen, dass man sich gegenseitig Todesfälle vorhalten muss, um noch etwas zu bewegen? Wären die geschätzt 1300 jährlichen Opfer des Braunkohlekraftwerks Bełchatów in Polen weniger schlimm, wenn es allein polnische Tote wären? Oder wenn die 470, die laut Report auf das schmutzigste deutsche Braunkohle-Kraftwerk Jänschwalde zurückgehen, alle in Deutschland sterben würden? Haben französische Kinder mehr Anspruch auf saubere Luft, weil Frankreich auf Atomkraft setzt? Welchen Gesundheitsschaden sollen die Niederlande akzeptieren, weil sie unter dem Strich Strom aus Deutschland importieren?

Freilich kann man argumentieren, dass derjenige den Schaden tragen sollte, der vom Kohlestrom profitiert. Aber das ist doch ohnehin nicht der Fall; das emittierte CO₂ der Kraftwerke hält sich ebenso wenig an Staatsgrenzen wie die Stickoxide. Den Klimaschaden trägt die ganze Welt. Der immer noch verbreitete Gedanke, dass die Form der Stromerzeugung im Ermessen der Einzelstaaten liege, ist sowieso absurd, auch ohne grenzüberschreitende Opferzahlen.

Zudem spricht mittlerweile so viel für einen schrittweisen Ausstieg aus der Kohle, dass die Todesopfer wie ein sinnloses Relikt mittelalterlicher Gepflogenheiten wirken. Braunkohle-Abbau zerstört großflächig Landschaften; das Überangebot an spottbilligem Kohlestrom verstopft die Leitungen, macht saubere Gaskraftwerke unwirtschaftlich, treibt die EEG-Umlage und die Kosten für den Netzausbau in die Höhe, was immer wieder Studien gezeigt haben. Zudem sind die Kraftwerke unflexibel und passen daher schlecht in die Energiewende.

Die einfachste, eleganteste und billigste Lösung all dieser Probleme wäre eine europäische: Etwa durch eine Verschärfung der Klimaziele und eine starke Verknappung der CO₂-Zertifikate im Emissionshandel könnten die ineffizientesten Kraftwerke vom Markt gedrängt werden. Nur sieht es derzeit nicht nach dieser Lösung aus. Mag sein, dass es da politisch hilft, auf die durch Nachbarn verursachten Gesundheitsschäden hinzuweisen. Aus der Kohle muss Europa am Ende trotzdem gemeinsam raus.

© SZ vom 06.07.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema