Tierpsychologie:Kühe auf dem Klo

Tierpsychologie: Einmal für kleine Kühe gehen: Latrine für Kälber.

Einmal für kleine Kühe gehen: Latrine für Kälber.

(Foto: Thomas Häntzschel / nordlicht; FNB/Thomas Häntzschel / nordlicht)

Rinder können lernen, ihre Ausscheidungen nicht irgendwo fallen zu lassen, sondern dafür eine Art Toilette aufzusuchen. Das könnte nicht nur den Kühen zugutekommen, sondern auch dem Klima.

Von Tina Baier

Kühe gelten den meisten Menschen als stumpfsinniges Herdenvieh, das dazu da ist, Milch und Fleisch zu produzieren. Auch wenn sich Wissenschaftler mit den Tieren beschäftigen, geht es in der Regel darum, wie sich Milch- und Fleischertrag optimieren lassen. Eine der wenigen Ausnahmen ist eine Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Current Biology erschienen ist. Darin beschreibt ein Team um den Tierpsychologen Jan Langbein vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in der Nähe von Rostock eine Art Toilettentraining für Rinder.

"Kühe sind wie viele andere Tiere und Nutztiere ziemlich schlau und können eine Menge lernen", sagt Langbein. "Warum sollten sie nicht lernen können, wie man eine Toilette benutzt?" Das klingt lustig, die Studie hat aber einen ernsthaften Hintergrund. Die Ausscheidungen von Kühen sind nämlich ein nicht zu unterschätzendes Umweltproblem. Dürfen die Tiere auf die Weide, verunreinigen ihre Fäkalien auf Dauer den Boden und oft auch Gewässer. Zudem wird der Ammoniak in ihrem Urin von Mikroorganismen im Boden in Lachgas umgewandelt. Diese Verbindung, chemisch Distickstoffmonoxid genannt, ist nach Kohlendioxid und Methan das Treibhausgas, das am drittmeisten zum Klimawandel beiträgt.

Die Sache klingt lustig, hat aber einen ernsten Hintergrund: Es geht ums Klima

Dieses Problem ist umso größer, je öfter die Kühe nach draußen dürfen, je tierfreundlicher also die Haltung ist. Die Tiere quasi zum Toilettengang zu bewegen, indem man sie animiert, ihre Ausscheidungen an einem Ort zu hinterlassen, an dem sie fachgerecht entsorgt werden können, "würde helfen, dieses Dilemma zu lösen", schreiben die Autoren. So ließen sich Klimaschutz und tierfreundliche Haltung miteinander vereinbaren.

In ihrer Studie unterzogen die Wissenschaftler 16 Kälber einer Art Toilettentraining. Im ersten Schritt wurden die Tiere sozusagen auf der Toilette eingesperrt, einem abgegrenzten, mit Kunstrasen ausgelegten Bereich im Stall. Jedes Mal, wenn sie dort zufällig urinierten oder Fladen fallen ließen, wurden sie dafür mit Futter belohnt.

In einer zweiten Phase kamen die Kälber wieder auf die Weide, hatten aber freien Zugang zu ihrer Latrine. Um dorthin zu gelangen, mussten sie in den Stall und durch ein Schwinggatter gehen, das sie mit dem Kopf aufdrücken konnten. Schafften sie das und urinierten oder misteten dort, wo sie sollten, wurden sie wieder belohnt. Ließen die Tiere ihre Hinterlassenschaften dagegen schon auf dem Weg zur Toilette im Stall fallen, bestraften die Wissenschaftler sie mit einem Wasserstrahl. "Als Erstes haben wir zur Strafe Kopfhörer in den Ohren der Tiere benutzt, über die wir einen sehr unangenehmen Ton abgaben, wenn sie draußen urinierten", sagt Langbein. "Aber das war ihnen egal."

Elf der 16 Kälber lernten auf diese Weise innerhalb weniger Wochen, sich zu beherrschen, bis sie auf der Toilette angekommen waren. Langbein ist zuversichtlich, dass man mit etwas mehr Training auch die restlichen fünf dazu bringen könnte. Wie schnell sich Kälber darauf einlassen, eine Toilette zu benutzen, hänge unter anderem von der individuellen Persönlichkeit der Tiere ab. Dass Kuh nämlich nicht gleich Kuh ist und dass jedes Tier mit einer neuen Situation unterschiedlich umgeht, weiß man schon länger.

© SZ
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