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Kriminalität:Der sozial integrierte Serienmörder ist kein Widerspruch

Sechs brutale Morde soll Manfred S. aus Schwalbach begangen haben, dabei galt er als sehr umgänglich. Für forensische Psychiater ist das durchaus plausibel.

Von Christoph Behrens

Er habe sich gefühlt "wie Gott", schrieb der Mörder, ausgestattet mit der "Macht, Leben zu geben oder zu nehmen". Dieses "Gefühl der Überlegenheit" habe er genossen. Diese Erklärung eines Serienmörders entlockten ihm US-Psychiater in den 1990er Jahren nach seiner Verhaftung. Nach einem ersten hatte der Mann zwei weitere Morde begangen. "Eine Überlegenheit, die ich nie zuvor gekannt hatte", notierte der Täter.

Auch über Manfred S. aus dem hessischen Schwalbach gibt es nun solche Überlegungen. Mehrere Jahrzehnte lang soll der inzwischen verstorbene Landschaftsgärtner sechs Morde begangen haben, vermutet die Polizei. Die meisten Opfer sollen als Prostituierte in Frankfurt gearbeitet haben. Ebenso gehen die Ermittler Hinweisen nach, dass der mutmaßliche Serienmörder 1998 den damals 13-jährigen Tristan entführt, verstümmelt und getötet hat. Die "grausame Vorgehensweise" passe ins Muster der Serie.

Das Muster ist von anderen Tätern bekannt

Dabei deutete bei dem 2014 verstorbenen Manfred S. nichts auf eine derartige Brutalität hin. Nach allem was man weiß, führte der Mann ein ruhiges Leben, war verheiratet und hatte eine Tochter. Den Nachbarn galt er als umgänglich. Gerade diese Unauffälligkeit überrascht den forensischen Psychiater Norbert Nedopil nicht. "Die meisten Serienmörder haben eine familiäre Anbindung, sind beruflich und sozial integriert", sagt der Wissenschaftler von der Universität München. Zwar seien viele Serienmörder eher Einzelgänger, achteten aber zugleich darauf, nicht aufzufallen. Eine gewisse soziale Integration sei geradezu die Voraussetzung dafür, über Jahre Morde zu begehen und dabei unentdeckt zu bleiben, sagt Nedopil. Dieses Muster sei auch von anderen sadistisch motivierten Tätern bekannt, etwa Josef Fritzl oder Wolfgang Přiklopil. Beide hielten jahrelang Frauen in ihren Kellern gefangen, ohne dass ihre Nachbarn etwas davon mitbekamen. "Es gibt Leute", sagt Nedopil, "die leben ein Doppelleben und repräsentieren nach außen etwas völlig anderes als das, was innen vorgeht."

Doch was ging im Kopf von Manfred S. vor? Psychiater Nedopil hat als Gutachter schon Mehrfachtäter wie den siebenfachen Frauenmörder Volker Eckert psychologisch beurteilt, er unterscheidet im Kern vier Motive für derartige Taten. Demnach töten Serienmörder

  • aus sexuellen Motiven heraus, etwa um bestimmte sadistische Vorlieben auszuleben.
  • wegen einer narzisstischen Kränkung, zum Beispiel weil jemand es nicht erträgt, beleidigt zu werden, und sich rächt.
  • aus einer beruflichen Machtposition heraus, zum Beispiel ein Krankenpfleger, der eigenmächtig über Leben und Tod von kranken Menschen entscheiden will.
  • wegen Geld - zu dieser letzten Gruppe zählen Berufskriminelle oder Auftragsmörder.

Manfred S. soll, nach dem bisherigen Ermittlungsstand zu urteilen, zur Gruppe der sexuell und sadistisch motivierten Täter gehören. Dafür spricht etwa, dass er sogenannte Trophäen von seinen Taten mitgenommen haben soll - den Frauenleichen fehlten teilweise einzelne Körperteile. Eine Untersuchung von Psychiatern der Universität Virginia ergab, dass zwei Drittel aller sexuell sadistischen Serienmörder dieses Verhalten zeigen, und getöteten Frauen etwa eine Locke abschneiden und mitnehmen. Der Mord werde zur Grundlage für weitere Fantasien, die sich später im Kopf abspielen, das Erinnerungsstück verstärke die Erregung der Täter. Die Forscher aus Virginia haben die Taten von 20 ähnlich veranlagten Serienmördern untersucht. Meist haben sie äußerste Grausamkeit gemein, die Folter der Opfer, eine sehr genaue Planung. Der US-Verhaltenswissenschaftler Park Dietz schreibt, dass die meisten Mörder ihre Opfer erwürgen oder erstechen. Das sorge für eine "Intimität", die Täter anstreben, die sexuell motiviert sind. Für zentral halten Forscher bei Serienmördern den Wunsch nach Kontrolle und Überlegenheit.

Vermutlich lässt sich das mit einem Gefühl der Ohnmacht in anderen Bereichen des Lebens erklären. "Viele fühlen sich im Leben zu kurz gekommen, etwa bei Frauen oder im Beruf", sagt Nedopil. Der Psychiater Robert Brittain hat in den 1960er Jahren als einer der ersten Forscher Serienmörder analysiert. Viele der Täter fühlten sich sexuell unterlegen, seien häufig impotent, hätten aber eine sehr reichhaltige Fantasie, schreibt Brittain. Bevor ein Mord tatsächlich passiere, habe sich die Tat oft schon im Kopf abgespielt. Psychologen aus Arizona haben mit Jugendlichen lange Gespräche geführt, die angegeben hatten, von gewalttätigen Gedanken besessen zu sein. Viele wurden selbst in ihrer Kindheit missbraucht oder misshandelt. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich die beschriebenen Gewalt-Fantasien bereits meist während der Pubertät ausbilden und jahrelang verstärken, bevor es zu einer ersten Tat kommt.

Insgesamt sehr wenige Fälle

Auch wenn ein Fall wie der von Manfred S. für die Öffentlichkeit schockierend ist, seien derartige Taten äußerst selten, sagt Norbert Nedopil. Der Psychiater geht für Deutschland von weniger als einem Serienmord pro Jahr aus. Die allermeisten Taten würden zudem aufgeklärt. Mittlerweile haben Polizeibehörden spezielle Strukturen aufgebaut, um nach Serienmördern zu fahnden, in München etwa die "Operative Fallanalyse" (OFA). Als 2011 nach zehnjähriger Fahndung der sogenannte "Maskenmann" Martin N. gefasst wurde, dem mindestens drei Morde an Kindern zur Last gelegt werden, war das auch der Arbeit der Profiler der Polizei zu verdanken, die ein detailliertes psychologisches Profil des Täters erarbeitet hatten.

In einem Aufruf an die Öffentlichkeit stellten die Ermittler klar, dass man nicht nach einem mysteriösen "schwarzen Mann" fahnde - in dieser Verkleidung hatte der Täter sich in Jugendheime eingeschlichen -, sondern nach einem im Alltag umgänglichen, netten Menschen, der im Umfeld von Jugendfreizeiten Kontakt zu Jungen sucht. "Wir wollten ihn entmonstern", erklärte damals Hauptkommissar Uwe Jordan. Diese Strategie ging auf, der Hinweis eines Zeugen führte zur Verhaftung des Mannes. Dabei hatten Nachbarn ihn als "sozial unauffällig, nett, akkurat und intelligent" beschrieben.

© SZ.de/cwb/rus
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