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Krank durch Lärm:Das ständige Getöse

Vielbefahrene Straßen, regionale Flughäfen, veraltete Züge: Millionen Menschen leiden unter massivem Lärm. Die Politik verspricht Schutz - doch wer trägt die Kosten?

Sie leben an den Bahnstrecken des Rheintals, sie wohnen eingeklemmt zwischen Autobahnen, Landstraßen und Flughafen im Nordosten Münchens oder in der Nähe der deutschen Häfen. Sie zählen Millionen, doch ihr politisches Gewicht ist gering: die deutschen Lärmopfer.

Lärm, ddp

Der Nachteil der zentralen Lage: Kurz vor der Landung in Berlin Tegel schweben die Flugzeuge nur knapp über die Wohnhäuser hinweg - und verursachen erheblichen Lärm.

(Foto: Foto: ddp)

Knapp jeder zweite Bundesbürger muss mit einem Lärmpegel von 55 Dezibel leben, jeder sechste sogar mit Werten von mehr als 65 Dezibel. Grob gesagt entspricht dies der Lautstärke eines durchschnittlichen Staubsaugers. Von da an wird Lärm zum Gesundheitsproblem.

"Aus umweltmedizinischer Sicht ist Lärm eine sehr ernstzunehmende Größe", sagt etwa Christian Maschke, Lärmexperte an der Technischen Universität Berlin. "Der beste Lärm ist der, der gar nicht erst entsteht."

Studien über die gesundheitlichen Gefahren gibt es längst. So steigt das Herzinfarktrisiko deutlich an bei Menschen, die regelmäßig einem Straßenlärm von 65 Dezibel und mehr ausgesetzt sind. Und in der Umgebung von Flughäfen werden deutlich häufiger Mittel zur Blutdrucksenkung verschrieben, vor allem dort, wo es nicht genügend Lärmschutz gibt.

Das Problem verträgt sich schlecht mit einer anderen Entwicklung: dem wachsenden Verkehrsaufkommen. Denn als Anwohner mag sich der Bürger über den Lärm ärgern, als Besitzer eines Autos oder einer Vielfliegerkarte aber hat er daran Anteil.

Leisere Autos - aber mehr

"Lärm ist immer der Lärm des anderen", sagt Matthias Hintzsche, Lärmspezialist beim Umweltbundesamt (UBA). Das gilt für Verkehrslärm genauso wie für Nachbarschaftslärm - das Ärgernis Nummer zwei in deutschen Ohren. "Der Lärm der eigenen Bohrmaschine stört einen selbst nie", sagt Hintzsche.

Selbst technischer Fortschritt kommt dem Verkehrslärm nicht hinterher. Zwar wurden Autos und Lastwagen leiser - aber gleichzeitig wurden sie mehr. Leiser wurde es nicht. Im Gegenteil. Wachsende Güterströme verschärfen das Problem noch.

Das Bundesverkehrsministerium erwartet bis 2025 einen Anstieg um 70 Prozent. Mag sein, dass sich der Zuwachs durch die Wirtschaftskrise um ein paar Jahre verschiebt, heißt es im Ministerium. Zu spüren bekommen das vor allem Anwohner großer Transitstrecken, zwischen Ost und West, aber auch von den Seehäfen Norddeutschlands und der Niederlande Richtung Italien.

Entlang der Rheintrasse, der wichtigsten Nord-Süd-Strecke für Güter auf der Schiene, machen Bürger seit Jahren mobil. Die Güterzüge fahren hier mitten durch Städte und Dörfer. Und sie fahren vor allem in der Nacht.

Anderenorts ist es schlicht ein nahegelegenes Gewerbegebiet, das häufiger frequentiert wird; oder aber eine Autobahn, über die nun mehr Autos und Lastwagen fahren. Vor allem ältere Autobahnen sind für Anwohner eine Last, denn den Lärmschutz entdeckten die Deutschen so richtig erst 1990. Seither erst gibt es in großem Stil Lärmschutzwände. Und die Nachrüstung alter Abschnitte dauert.

Auch der Flugverkehr ist nicht mehr allein ein punktuelles Problem rund um die Verkehrsflughäfen. "Durch die wachsende Zahl von Regionalflughäfen sind immer mehr Bürger davon betroffen", sagt UBA-Experte Hintzsche. "Gleichzeitig nimmt die Toleranz für Lärm ab."

Welche Mittel es gegen den Lärm gibt - und warum viele trotzdem nicht angewendet werden lesen Sie auf Seite 2.

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