Kohlendioxid Holz für die Bilanz

Kohlekraftwerke werden klimafreundlicher, wenn Betreiber einen Teil des Brennstoffs durch Biomasse ersetzen. Doch einige Fachleute sehen das kritisch. Soll hier nur der Anschein von Umweltfreundlichkeit vermittelt werden?

Von Ralph Diermann

Kohle hat eine miserable Klimabilanz. Der CO2-Ausstoß von Kohlekraftwerken liegt zwei- bis dreimal so hoch wie der gasbefeuerter Anlagen. Dabei war der fossile Brennstoff selbst einmal eine erneuerbare Energieform: Kohle ist aus Holz und Pflanzenresten entstanden, die in der Erde viele Millionen Jahre lang Druck und Hitze ausgesetzt waren.

Das Kohlekraftwerk in Frimmersdorf bei Köln. Energiekonzerne wie RWE oder Vattenfall möchten die Verwandtschaft von Holz und Kohle nutzen, um ihre Kraftwerke klimafreundlicher zu machen.

(Foto: dapd)

Jetzt möchten Energiekonzerne wie RWE oder Vattenfall die Verwandtschaft von Holz und Kohle nutzen, um ihre Kraftwerke klimafreundlicher zu machen. Einige Anlagen sollen bis zu 20 Prozent des fossilen Brennstoffs durch Holzhackschnitzel und -pellets ersetzen.

Technisch ist das kein Problem: Die Biomasse wird genauso wie Stein- oder Braunkohle zu feinem Staub vermahlen und dann in die Feuerungskammer geblasen. Vattenfall hat das im vergangenen Jahr in einem Berliner Heizkraftwerk erprobt und dort 400 000 Christbäume sowie 4300 Tonnen Holzreste aus der Landschaftspflege verbrannt. Da Biomasse als CO2-neutral gilt, weil Bäume beim Wachsen Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen, verbessert das sogenannte Co-Firing die Klimabilanz.

Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, hält dies für sinnvoll. Weil die Energiewende nicht schnell genug vorankomme, "müssen wir in den nächsten zehn Jahren verstärkt die bestehenden Kohlekraftwerke einsetzen", sagt er. "Die Mitverbrennung von Holz ist ein guter Weg, deren CO2-Emissionen zu reduzieren." 28 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr könnten eingespart werden, wenn alle deutschen Kohlekraftwerke zehn Prozent des fossilen Brennstoffs durch Holz ersetzten, besagt eine Dena-Studie.

Einige Fachleute sehen das anders. "Das Mitverbrennen von Holz dient lediglich dazu, Kohlekraftwerken den Anschein von Umweltfreundlichkeit zu verleihen", erklärt Tina Löffelsend, Energieexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Die Umweltschützer kritisieren vor allem, dass die Ressource Holz in Kohlekraftwerken nicht optimal genutzt werde. Die Anlagen verwerteten maximal 40 Prozent der Energie, die im Brennstoff steckt. In kleinen, dezentralen Biomasse-Heizkraftwerken wäre der Ertrag fast doppelt so hoch.

Trotz des niedrigen Wirkungsgrades der Kohlemeiler gehört Co-Firing zu den günstigsten Wegen, Treibhausgase bei der Energieerzeugung zu vermeiden, hat die Dena in ihrer Studie ermittelt. "Die Technologie nutzt die vorhandene Infrastruktur und entlastet die Netze", erklärt Hans Dieter Hermes von Vattenfall. Zudem könne die Mitverbrennung von Holz Grundlast liefern, also anders als Windkraft- oder Solaranlagen kontinuierlich und planbar Strom erzeugen.

Dennoch ist auch das Co-Firing für die Kraftwerksbetreiber ein Zuschussgeschäft. Dena-Chef Kohler schlägt deshalb vor, über eine Förderung der Technologie durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz nachzudenken. Allerdings sollte das nur für solche Steinkohlekraftwerke gelten, die neben Strom auch Wärme erzeugen; sie sind effizienter als herkömmliche Kohlemeiler. In Dänemark oder Großbritannien hat der Staat bereits Anreize für das Co-Firing geschaffen.

Wichtig ist auch, über die Herkunft des Holzes nachzudenken. Immerhin wären allein in Deutschland sieben Millionen Tonnen Pellets pro Jahr nötig, um zehn Prozent Kohle zu ersetzen. Die Jahresproduktion liegt hierzulande bei 1,9 Millionen Tonnen, die inzwischen viele Eigenheimbesitzer in ihrer Heizung verfeuern. Für sie würden die Preise trotz der neuen Konkurrenz um den Brennstoff aber nicht steigen, erwartet Christian Rakos, Präsident des European Pellet Council: "Der Einsteig der Energieversorger wird den Markt stabilisieren. Die Kraftwerke sind ein gigantischer Puffer." Wird der Brennstoff zu teuer, können die Stromproduzenten die Mitverbrennung zurückfahren, was kostendämpfend wirkt. Dazu komme, so Rakos, dass die globale Pelletproduktion momentan stark ausgeweitet werde.

Die Dena will den Bedarf für das Co-Firing vor allem mit Altholz, etwa aus der Waldpflege, decken. Es könnte aus Ländern wie Russland oder der Ukraine importiert werden. "Dabei ist es natürlich zwingend notwendig, dass die Biomasse Nachhaltigkeitsstandards erfüllt", sagt Kohler. Vattenfall hat sich bereits verpflichtet, nur nachweislich nachhaltige Biomasse einzusetzen. Dabei stand der Versorger allerdings unter öffentlichem Druck. Es war herausgekommen, dass die schwedische Muttergesellschaft für ihre Biomasse-Kraftwerke einen Vertrag über Holzlieferungen aus dem westafrikanischen Liberia geschlossen hatte.