Kognition Du bist ahnungslos!

Affen erkennen, wenn ein Mensch auf dem Holzweg ist und an einer Aufgabe scheitert. Die Tiere bieten ihm unter diesen Umständen oft Hilfe an. Das klingt ein wenig banal, bringt Kognitionsforscher aber völlig aus dem Häuschen.

Von Katrin Blawat

Wer wirklich schlau ist, muss das nicht mithilfe aufwendiger Apparaturen beweisen. Den 34 Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans im Leipziger Zoo zum Beispiel genügte eine mit Murmeln gefüllte Plastikdose, um ihre verblüffenden kognitiven Fähigkeiten zu demonstrieren. In Experimenten mit dem simplen Spielzeug zeigte sich, dass die Tiere - anders als lange gedacht - offenbar erkennen, wenn ein Mensch einer falschen Annahme aufsitzt (Plos One). In der Studie eines Teams um den Entwicklungspsychologen David Buttelmann von der Uni Bern ging es um die Vermutung, in welchem Behälter sich die rappelnde Plastikbox befand.

Zu erkennen, wenn sich ein anderer in eine falsche Vorstellung verrannt hat, ist alles andere als eine Kleinigkeit. Diese Fähigkeit gilt vielmehr als derart komplex, dass sie bisher nur einer einzigen Primatenart zweifelsfrei zugestanden wurde: dem Menschen. Schimpansen hatten in früheren Studien die Aufgaben nicht bestanden, die ihr Verständnis für die sogenannten "False-belief-Vorstellungen" abfragten.

Wo die kognitiven Grenzen zwischen Schimpansen und Homo sapiens liegen? Schwer zu sagen

Anders in der aktuellen Studie. Die beteiligten Wissenschaftler nutzten dafür einen etwas anderen Test, den auch Kinder bereits in einem Alter von etwa einem Jahr schaffen und der womöglich besser auf die Tiere zugeschnitten war. Vor deren Augen legte ein Helfer die bunte Plastikdose in einen von zwei undurchsichtigen Behältern. Dann nahm eine zweite Person die Dose wieder heraus und steckte sie in den anderen Behälter.

In einem Teil der Versuche war die erste Person dabei anwesend und bekam das Umplatzieren des Spielzeugs mit. In den anderen Durchgängen verließ die erste Person vorher den Raum. Als sie zurückkehrte, dachte sie zwar, sie wisse, wo sich das Spielzeug befand: vermeintlich in jenem Behälter, in den sie es selbst hineingelegt hatte. Diese Vermutung war aber falsch (daher "false belief").

In allen Fällen versuchte die erste Person dann, jenen Behälter zu öffnen, in den sie selbst das Spielzeug gelegt hatte. Nun kamen die Affen ins Spiel, die alles beobachtet hatten und dem Menschen helfen wollten. Überraschenderweise erkannten sie dabei, wenn der Mensch einer falschen Vorstellung anhing und den Behälter öffnen wollte, in dem sich das Spielzeug vor dem heimlichen Umplatzieren befunden hatte. Häufiger, als es rein zufällig zu erwarten gewesen wäre, öffneten die Affen dann jenen Behälter, in den der zweite Helfer das Spielzeug ohne das Wissen der ersten Person gelegt hatte. Offenbar berücksichtigten die Affen für ihr eigenes Verhalten also, dass der Mensch von nicht zutreffenden Tatsachen ausging.

Sollten weitere Studien dieses Ergebnis bestätigen, würde das die Menschenaffen der Auszeichnung "besitzt Theory of Mind" ein gutes Stück näherbringen. Die Theory of Mind (ToM) beschreibt die Fähigkeit, sich die Gedanken und Vorstellungen anderer bewusst zu machen und zu erkennen, dass diese von der eigenen Gedankenwelt abweichen können. Schimpansen erfüllen zwar einige dafür notwendige Kriterien, zum Beispiel erkennen sie die Wünsche und Absichten anderer. Nur in der Königsdisziplin, dem Erkennen von False-belief-Vorstellungen, haben sie bisher meist versagt.

Doch lag das auch wirklich an den Tieren - oder an dem möglicherweise unpassenden Test? Eine abschließende Antwort liefert auch Buttelmanns Studie nicht. Sie stellt allerdings infrage, wo genau die Grenze in den kognitiven Fähigkeiten zwischen dem Menschen und allen anderen Tieren verläuft - und ob es diese in der lang vermuteten Eindeutigkeit überhaupt gibt.