Klimawandel:Das Wasser naht

Schon in gut drei Jahrzehnten wird der Meeresspiegel um 20 bis 30 Zentimeter angestiegen sein. Davon betroffen sind nicht nur ein paar kleine Inselstaaten. Eine neue Studie zeigt, dass es um den Lebensraum von rund 300 Millionen Menschen weltweit geht.

Von Christoph von Eichhorn

Der Anstieg des Meeresspiegels könnte im Jahr 2050 rund 300 Millionen Menschen bedrohen. Allein 150 Millionen würden dann in Regionen unterhalb der Flutlinie leben. Rechnet man jährliche Überschwemmungen - etwa infolge von Sturmfluten - mit ein, ergibt sich sogar die Zahl von 300 Millionen potenziell betroffenen Menschen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Organisation Climate Central im Fachjournal Nature Communications.

Die Erderwärmung lässt die Meere immer mehr anschwellen. Nach jüngsten Schätzungen des Klimarats IPCC beträgt der Anstieg derzeit vier Millimeter pro Jahr. Bereits jetzt leiden kleinere Inselstaaten unter Erosion und dem Verlust von Siedlungsfläche. Bis 2050 erwarten die Studienautoren eine Zunahme des Meeresspiegels um 20 bis 30 Zentimeter im Vergleich zur Jahrtausendwende. Laut den Forschern könnten die Wassermassen etwa drei Mal mehr Menschen bedrohen als bislang gedacht.

Das Team um Scott Kulp von Climate Central stützte sich bei der Analyse auf sehr präzise Geländedaten. Diese zeigen, dass viele Küstenlinien tiefer liegen als derzeit in Klimamodellen angegeben. Allein in China leben demnach derzeit 93 Millionen Menschen in Regionen, die 2050 unterhalb des Flutpegels liegen dürften - die bisherige Schätzung lag bei 29 Millionen Chinesen. In Bangladesch könnte der aktuellen Studie zufolge die Zahl der bedrohten Menschen von fünf auf 42 Millionen steigen, in Thailand von einer auf zwölf Millionen. 70 Prozent der gefährdeten Menschen leben in acht asiatischen Staaten, in China, Bangladesch, Indien, Vietnam, Indonesien, Thailand, den Philippinen und Japan. Die Studie berücksichtigt indes keine Gegenmaßnahmen wie den Bau von Deichen oder Entwässerungskanälen. Neben dem Anstieg des Wassers und damit verbundenen Überschwemmungen ist auch die Erwärmung der Meere ein Problem. Sie gibt Wellen und Stürmen mehr Kraft.

Für Deutschland und Westeuropa zeigt die neue Studie keine wesentlichen Veränderungen im Vergleich zu früheren Analysen. In Europa haben Wissenschaftler die Höhen des Geländes bereits in den vergangenen Jahren präzise erfasst. Grund zur Entwarnung ist dies jedoch nicht. Die Prognosen zeigen, dass praktisch die gesamte deutsche Nordseeküste in 30 Jahren mit den Folgen des Meeresspiegelanstiegs zu kämpfen haben wird. In der Ostsee müssten sich die Menschen vor allem in niedrig gelegenen Regionen wie rund um das Stettiner Haff stärker gegen Erosion und Sturmfluten wappnen.

Schreitet die Erderwärmung weiter voran, wird der Meeresspiegel auch über das Jahr 2050 hinaus steigen. Bis Ende des Jahrhunderts rechnet der Weltklimarat mit einem Anstieg um 0,61 bis 1,10 Meter im Vergleich zum Jahr 2000. Es könnte allerdings noch schlimmer kommen, falls die Eisschilde der Arktis und Antarktis kollabieren. Bereits jetzt hat sich der Eisverlust in Grönland im Vergleich zum Jahr 2000 verdoppelt, in der Westantarktis verdreifacht.

© SZ vom 04.11.2019
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