Klimawandel Angst vor dem Kontrollverlust

Klimaforscher prognostizieren drastische Folgen, wenn die Staaten nicht schnell handeln - und sie warnen vor Zeitpunkten, an denen das Klima unwiderruflich kippt.

Von C. Schrader

Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie haben Sorgen und Hoffnungen, erleben Fortschritte und Rückschläge. Manche denken politisch, andere weniger; manche wünschen sich Einfluss, andere fürchten die Verantwortung. Die Vertreter einer Disziplin können sich der Politik zurzeit aber kaum entziehen: Klimaforscher.

Bedrohliche Szenarien: In vielen Regionen der Welt verstärken sich ohnehin vorhandene Klimaerscheinungen. Auch Tropenstürme wie hier über Kuba 2007 werden heftiger.

(Foto: Foto: AFP)

Schließlich haben die Regierungen der Welt schon vor zwei Jahren in Bali beschlossen, sich von der Wissenschaft leiten zu lassen, wenn sie in Kopenhagen ein neues Abkommen zum Klimaschutz aushandeln. Frische Zahlen sollen dabei helfen.

2007, kurz vor der Konferenz auf Bali, hatte der Weltklimarat IPCC die Daten zur globalen Erwärmung ausgewertet. Diesmal haben auf Initiative aus Australien und Kanada 26 führende Klimaforscher in der sogenannten Kopenhagen-Diagnose die aktuellen Zahlen zusammengetragen.

"Eine solche Aufbereitung der Daten kurz vor dem Gipfel waren wir der Öffentlichkeit schuldig", sagt der an dem Bericht beteiligte Hans Joachim Schellnhuber, der sowohl den deutschen Beirat für Globale Umweltveränderungen als auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung leitet.

Der Report enthält eindrückliche Zahlen. Bis zum Jahr 2100 könne der Meeresspiegel um deutlich mehr als einen Meter steigen und die Erde sich um sieben Grad Celsius erwärmen, wenn die Menge der Treibhausgase aus Schornsteinen und Auspuffen nicht sinkt. 0,8 Grad Aufheizung und 20 Zentimeter Anstieg seit Beginn des Industriezeitalters sind bereits Realität.

Mit dem Tauwetter vor allem am Nordpol verstärke sich die Erwärmung selbst, warnen die Forscher. Offenes Wasser absorbiert das Sonnenlicht, wo vorher Eis die Strahlen ins All zurückwarf. Zudem setzt schmelzender Permafrostboden in Sibirien große Mengen Methan frei, das als Treibhausgas wirkt.

Armut und Klimawandel

Überall auf der Welt ändert sich deswegen bereits das Muster des Wetters: Tropische Wirbelstürme werden zwar nicht häufiger, aber intensiver. Und bei den Niederschlägen gilt, was der IPCC 2007 vermutete, aber nicht belegen konnte: Regenreiche Gebiete, etwa in den mittleren Breiten, bekommen intensivere Niederschläge, trockene Gebiete werden noch trockener.

"Wo neuere Studien die Unsicherheiten im IPCC-Bericht aufgelöst haben, zeigt sich, dass sich das Klima schneller verändert und empfindlicher ist, als wir angenommen haben", heißt es in der Kopenhagen-Diagnose.

Viele Folgen des Klimawandels werden arme Länder beiderseits des Äquators treffen. "In Bangladesch leiden die Bewohner eines dichtbesiedelten, flachen Landes dann unter dem kombinierten Effekt von Armut und Klimawandel", sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Aber auch reiche Staaten wie Deutschland, die mehr Geld aufwenden können, um sich vor der Veränderung zu schützen, sind betroffen. "Ein heißer Sommer, wie wir ihn 2003 erlebt haben, würde in den Jahren um 2040 normal sein und gegen 2070 schon als kühl gelten", sagt Peter Lemke, der am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven den Fachbereich Klimawissenschaften leitet.

Was auf der Erde geschieht, hatte schon der IPCC 2007 in eindeutigen Worten beschrieben: "Die Erwärmung des Klimasystems ist unbestreitbar", der größte Anteil davon gehe "sehr wahrscheinlich" auf die vom Menschen freigesetzten Treibhausgase zurück; darunter versteht der Weltklimarat eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent und mehr.

Selektiver Umgang mit Daten

"In der Klimadiskussion laufen viele Argumentationsstränge zusammen, und alle sagen das gleiche: Die Menschheit verändert das Klima", betont Jochem Marotzke. Hans Joachim Schellnhuber ergänzt:"Abweichende Ansichten haben die führenden Zeitschriften in den vergangenen Jahren nicht veröffentlicht, weil keine ernstzunehmende Arbeit welche geäußert hat. Und nun glaubt die Öffentlichkeit, da gehe es nicht mit rechten Dingen zu."

In diesem Klima rechnen sich Kritiker gute Chancen aus, ein Abkommen in Kopenhagen in letzter Sekunde torpedieren zu können. Manche von ihnen erklären die Erwärmung bereits für beendet. Seit 1998 sei das Thermometer nicht mehr gestiegen, heißt es allenthalben auf Webseiten.

Für diese Behauptung lassen sich Zahlen finden, wenn man die offizielle Temperaturstatistik geschickt beschneidet. Zwar gehören immer noch alle Jahre dieses Jahrtausends zu den zehn wärmsten seit Beginn der Messungen; aber es jagt nicht mehr ein Rekord den anderen.

Dieser selektive Umgang mit den Daten sei aber falsch, warnen Klimaforscher. "Um die Erwärmung zu sehen, muss man längere Zeiträume als ein Jahrzehnt anschauen, sonst kann man schnell an der Nase herumgeführt werden", sagt Mojib Latif, Professor am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel.

Und Jochem Marotzke ergänzt: "Eine momentane Stagnation ändert nichts." Es gebe immer mal wieder aus natürlichen Gründen eine Abkühlung, die jetzt den Trend zur generellen Erwärmung ausgleiche. "Aber bald sind natürliche Variationen und der Effekt der Treibhausgase wieder im Einklang, und dann steigt das Thermometer besonders schnell."

Manche Facetten des Klimasystems haben die Forscher allerdings noch nicht so genau verstanden - und wie andere Menschen fürchten sie das Unbekannte. Darum warnen die Wissenschaftler vorsorglich vor sogenannten Kipp-Punkten. In ganzen Bereichen des Klimasystems könnte eine unkontrollierbare, sich selbst verstärkende Veränderung beginnen, wenn Temperaturen einen Schwellenwert überschreiten.

"Das sind Ereignisse mit großen Folgen, einige werden nach heutigem Wissensstand mit relativ großer Wahrscheinlichkeit eintreten", sagt Hans Joachim Schellnhuber.

Zum Beispiel könne der Eispanzer Grönlands unwiderruflich zu schmelzen beginnen, wenn sich die Erde um etwa drei Grad erwärmt. Das Tauen am Polarkreis würde Jahrhunderte dauern, aber die Meere um sieben Meter anschwellen lassen.

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