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Insekten:So schön ist Ungeziefer

Kuckucksbiene, aufgenommen für das Fotoprojekt "Microsculpture"

Das Lieblingsinsekt des Fotografen Levon Biss: Eine grüne Prachtbiene.

(Foto: Levon Biss)

Ist das Kunst? Oder sind es nur Käfer? Ein britischer Fotograf setzt Insektenbilder aus je 8000 mikroskopischen Aufnahmen zusammen - und überrascht Wissenschaftler auf der ganzen Welt.

Von Siri Warrlich

Zwei Jahre hat es gedauert, bis Levon Biss 22 Fotos gemacht hat. Normalerweise arbeitet der britische Fotograf schneller. Doch bei seinem neuen Projekt "Microsculpture" ging es nicht anders. Denn alle Insektenbilder, die Biss in dem Projekt zeigt, sind aus je Tausenden einzelner Aufnahmen zusammengefügt - aufgenommen durch ein Objektiv, das wie ein Mikroskop funktioniert.

Die Aufnahmen ermöglichen einen Blick auf Insekten, der so zuvor nicht möglich war. Winzige Härchen am Bein einer Fliege oder Schuppen auf dem Rücken eines Käfers: Solche Strukturen sind sonst nur durch ein Mikroskop sichtbar. "Aber dabei kann immer nur ein kleiner Teil des Insekts scharf gestellt werden", sagt James Hogan, Insektenforscher am Naturkundemuseum der renommierten Oxford University. Auf Biss' Fotografien sehen Betrachter dagegen den ganzen Insektenkörper in voller Schärfe - und dennoch in vielfacher Vergrößerung.

Buckelzikade, die für das Fotoprojekt "Microsculpture" aufgenommen wurde

Buckelzikaden wie dieses Exemplar leben hauptsächlich in den Tropen. Es gibt rund 50 verschiedene Arten.

(Foto: Levon Biss)

Die ausgeklügelte Aufnahmemethode: Jedes Insekt hat der 40-Jährige in etwa 30 Bereiche unterteilt. Anschließend hat Biss die Kamera auf eine Schiene aufgesetzt und die einzelnen Bereiche aus unterschiedlicher Ferne fotografiert. Der Abstand zwischen zwei Aufnahmen betrug nur rund zehn Mikrometer - also 0,01 Millimeter.

Die Insektenbilder werden ab Ende Mai im Naturkundemuseum der Oxford University ausgestellt. Auch im Netz sind sie zu sehen. Das Projekt könnte Nachwuchswissenschaftler zu neuer Forschung inspirieren, hofft der Insektenkundler James Hogan, der die verschiedenen Exemplare zusammen mit Biss ausgewählt hat.

Über die speziellen Oberflächenstrukturen von manchen Insekten ist noch kaum etwas bekannt. Warum, zum Beispiel, ist ein bestimmter Vertreter der Schwarzkäfer, der "Lepidochora porti", übersät mit winzigen Schuppen? Warum hat der Blattkäfer "Platypria Melli" aus Südostasien spitze Stacheln über seinen Beinchen? Und warum ist der Feldsandlaufkäfer "Cicindela campestris" am Rücken so rau und hat keinen glatten Panzer wie viele andere Käfer?

Schildkäfer, der für das Fotoprojekt "Microsculpture" aufgenommen wurde

Der Blattkäfer "Platypria melli" lebt in Südostasien. Weltweit gibt es mehr als eine Million Insektenarten.

(Foto: Levon Biss)

Diese Strukturen zeigen Biss' Aufnahmen deutlich. "Ich bin sicher, dass es einen Grund dafür gibt, warum die Insekten sich im Laufe der Evolution so entwickelt haben", sagt Insektenforscher Hogan über diese Beispiele. "Es gibt viele Theorien dazu." Aber der tatsächliche Grund sei in vielen Fällen bislang nicht bewiesen.

Im Naturkundemuseum in Oxford können Betrachter die winzig kleinen Schuppen des Sandlaufkäfers mit bloßem Auge auf einer Leinwand begutachten. "Ich habe versucht, jedes winzige Teilchen als eigenes Stillleben zu sehen und möglichst schön zu beleuchten", sagt Biss. Jedes der so entstandenen Fotos zeigt nur einen minimalen Ausschnitt in voller Schärfe. Am Ende fügte Biss alle scharfen Ausschnitte mit dem Computer zusammen. "Wie das Insekt wirklich aussieht, konnte ich erst erahnen, nachdem die ersten Aufnahmen zusammengefügt waren, also nach vier bis fünf Arbeitstagen."

Nach zwei Jahren Arbeit sei er zum Insekten-Fan geworden, sagt Biss, der bislang vor allem als Sportfotograf arbeitete. Sein Liebling aus der neuen Reihe: Die grün schimmernde Prachtbiene "Exaerete Frontalis". Sie lebt in Südamerika und bestäubt Orchideen. Die Männchen nutzen den Duft der Orchideen für die Balz. Als einziges Insekt hat Biss diese Biene zwei Mal fotografiert, von oben und von der Seite. Das war "eine ganz schön große Entscheidung", sagt der Fotograf. Schließlich kostete ihn jede neue Aufnahme zwei bis drei Wochen Arbeit.

© SZ.de/swa/olkl/fehu
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