Hunderassen:Trauriger Dalmatiner-Effekt

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Wenn Hunde, Fische und Äffchen in erfolgreichen Filmen auftreten, hat das oft langfristige Folgen. Die Rassen geraten in Mode, die Verkäufe schnellen in die Höhe - und die Gesundheit der Tiere leidet.

Von Katrin Blawat

Um Karriere zu machen, braucht es den richtigen Namen. Das gilt auch für Hunderassen. Wie weit kann man es als "Standard-Nr. 156" schon bringen? Ganz anders sieht die Sache aus, wenn die gleiche Rasse mit einem Namen verknüpft ist, der Menschenscharen ins Kino lockte: Lassie. Schon kurz nach Erscheinen des Films "Lassie Come Home" ("Heimweh") 1943 zog die Nachfrage nach dem Hütehund enorm an - und so begann der Aufstieg des schottischen Langhaarcollies. Allein in den USA wurden binnen kurzer Zeit 40 Prozent mehr Collie-Welpen geboren. Noch zehn Jahre später profitierten Züchter von der Wirkung des Films, berichtet ein Team um Stefano Ghirlanda von der City University of New York im Fachmagazin Plos One (online).

Warum kommt eine Hunderasse in Mode oder verschwindet aus Straßen und Parks? Um das zu untersuchen, werteten die Forscher die 65 Millionen Tiere umfassende Datenbank des amerikanischen Hundezuchtverbandes sowie 87 Filme der vergangenen Jahrzehnte aus, in denen Hunde eine prominente Rolle spielen. Die Schlussfolgerung war eindeutig: Nicht die Charaktereigenschaften einer Hunderasse bestimmen ihre Beliebtheit - sondern der Erfolg von Filmen und Fernsehserien. Wie leicht sich die Vertreter einer Rasse typischerweise erziehen lassen, wie hoch ihre Lebenserwartung ist und mit welchen Krankheiten man bei ihnen rechnen muss, kümmert viele Hundehalter offenbar wenig. Sie wollen einfach nur haben, was alle haben. Trends bei Hunderassen entstünden ähnlich, wie auch Vornamen in Mode kommen oder in Vergessenheit geraten, schreiben die Forscher.

Dass häufig Filme die Keimzelle solcher Entwicklungen sind, haben zum Beispiel auch der Dalmatiner und der Border Collie erfahren. Doch beiden hat die gestiegene Beliebtheit nicht nur gutgetan. Um die große Nachfrage bedienen zu können, wurde nach dem Film "101 Dalmatiner" vermehrt auch mit Vertretern dieser Rasse gezüchtet, die zu Taubheit neigen - und eigentlich nichts in einer Zucht zu suchen haben, die Wert auf gesunde Tiere legt.

Wenn ein Border Collie keine Schafe zu hüten hat, dann treibt er eben seine Besitzer zusammen

Die arbeitswütigen, als Hütehunde extrem effizienten Border Collies wiederum zogen nach dem Film "Ein Schweinchen namens Babe" vermehrt auch in Familien ein, in denen es nichts zu hüten gab außer die herumtobenden Kinder. Das Ergebnis war oft Langeweile und Frust beim Hund sowie Verzweiflung bei seinen Haltern, die sich nicht mehr als ein paar Meter voneinander trennen konnten, ohne in die Fersen gezwickt zu werden.

"Es ist nicht erstaunlich, dass wir dazu neigen, Trends zu folgen", sagt Coautor Alberto Acerbi von der University of Bristol. "Für viele Situationen ist das eine effiziente Strategie, aber es kann eben auch negative Auswirkungen haben." Auch andere Tiere leiden nämlich oft darunter, wenn sie durch Kino, Fernsehen oder Internet plötzlich beliebt werden. Nach dem Film "Findet Nemo" schwammen Clownfische in vielen Kinderzimmer-Aquarien herum, ohne dass die neuen Besitzer viel Ahnung von den Bedürfnissen der Fische hatten. Und als sich vor einigen Jahren Internetvideos verbreiteten, in denen sich ein kleiner, flauschiger Plumplori - ein Äffchen mit Kulleraugen - unter den Armen kraulen ließ, lauteten viele Online-Kommentare: "Ich will auch so einen!" Den ohnehin schon gefährdeten Plumploris schade das zusätzlich, warnten Forscher.

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