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Homöopathie-Lobby im Netz:Schmutzige Methoden der sanften Medizin

Arzneimittelhersteller finanzieren einen Journalisten, der die Kritiker ihrer Produkte namentlich an den Netz-Pranger stellt. Bei jedem herkömmlichen Pharmakonzern wäre dies ein Skandal. Doch die Globuli-Hersteller sehen darin kein Problem, sondern einen "konstruktiven Dialog".

Jens Lubbadeh

Der Google-Pranger funktioniert ganz einfach: Man setzt eine professionell wirkende Webseite auf, in der die Glaubwürdigkeit einer Person untergraben wird. Dann wird der Name der anzuprangernden Person möglichst oft im Text genannt. Die Seite wird nun automatisch unter den oberen Treffern rangieren, wenn jemand nach der Person sucht. Für Menschen, deren Glaubwürdigkeit ihr Kapital ist, beispielsweise Journalisten und Wissenschaftler, ist dieser digitale Rufmord besonders verheerend.

Homöopathie ist ein lukratives Geschäft.

Die kleinen Kügelchen lassen leicht vergessen, dass es bei ihnen um große Summen geht: 400 Millionen Euro beträgt der Gesamtumsatz der Branche. Über den Gewinn schweigt sie.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Googelt man den Journalisten Max Rauner, erscheint als einer der ersten Treffer eine Seite des Blogs des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ). Der Titel: "Max Rauner glänzt mit Halbwissen über Edzard Ernst". Dem mehrfach preisgekrönten Journalisten Rauner wird in dem Beitrag schlechte Recherche und Verletzung seiner Sorgfaltspflicht als Journalist unterstellt. Rauner habe die Wahrheit für eine gute Story geopfert.

Was war Rauners vermeintliches Vergehen? Er hatte in dem Magazin Zeit Wissen ein Porträt über Edzard Ernst veröffentlicht, Professor für Alternativmedizin an der University of Exeter. Ernst erforscht Nutzen und Risiken alternativer Heilmethoden, unter anderem auch die der Homöopathie. Wie viele Forscher vor ihm auch kam er zu dem Ergebnis: Die Zuckerkügelchen wirken nicht besser als eine Scheinpille. Seitdem ist Ernst für Homöopathen ein rotes Tuch - so wie jeder, der die Zuckerkügelchen oder ihre Befürworter kritisiert.

Verantwortlich für den Beitrag über Max Rauner ist Claus Fritzsche. Kritisiert man Fritzsches Beiträge, reagiert er nach dem gleichen Muster und bastelt daraus gleich die nächste "Nachricht": "Jens Lubbadeh kritisiert DZVhÄ."

Fritzsche, laut seinem Impressum unter www.claus-fritzsche.de Medizin- und Wissenschaftsjournalist, betextet auch Flyer und Broschüren für Firmen. Fritzsche hat BWL mit einem Stipendium der Karstadt AG studiert und einen Abschluss als Diplom-Betriebswirt (BA). Er verfügt, wie er auf dieser Seite wirbt, über langjährige Berufserfahrung in der Vermarktung von erklärungsbedürftigen Industrieprodukten.

Für die DZVhÄ ist er offenbar für das Anschwärzen von Kritikern der Homöopathie zuständig. Jedenfalls wird seine Tätigkeit von der Homöopathie-Lobby und von Globuli-Herstellern unterstützt. Auf Anfrage bestätigten der DZVhÄ sowie mehrere Globuli-Hersteller, dass sie die teils von Fritzsche selbst angebotenen, teils von ihm als Chefredakteur verantworteten und mit Texten bestückten Blogs finanziell fördern.

Jährlich 43.000 Euro Zuwendungen von den Herstellern

Ein "Sponsoring" seines CAM-Media.Watch-Blogs durch Globuli-Hersteller gab Fritzsche im August 2011 auch offen zu, um "Transparenz" zu schaffen: "Die Unternehmen Deutsche Homöopathie-Union (DHU) und Biologische Heilmittel Heel unterstützen CAM Media.Watch finanziell." Weitere Sponsoren sind die Firmen Staufen Pharma, WALA Heilmittel, Weleda und Hevert. 43.000 Euro erhält Fritzsche pro Jahr von diesen sechs Herstellern homöopathischer Produkte.

Arzneimittelhersteller finanzieren einen Journalisten, der die Kritiker ihrer Produkte anschwärzt - bei jedem herkömmlichen Pharmakonzern wäre dies ein Skandal. Das zeigte beispielsweise der Fall des Lobbyisten Adel Massaad, der 2006 offenbar im Auftrag mehrerer Konzerne versuchte, den damaligen Leiter des Arzneimittelprüfinstituts IQWiG, Peter Sawicki, zu diskreditieren.

Fritzsches Sponsoren sind die bekanntesten Hersteller homöopathischer Kügelchen. Marktführer ist die DHU, eine Tochterfirma des Arzneimittelherstellers Schwabe (Prostagutt, Tebonin). In der DHU-Firmenzentrale in Karlsruhe arbeiten rund 500 Beschäftigte. Als Branchenprimus in Deutschland und Firma mit Tradition fühlt sich die DHU "auch als Wächter der Homöopathie", wie Geschäftsführer Franz Stempfle 2010 dem Spiegel versicherte. Es geht nicht um kleine Summen: Der Gesamtumsatz aller Hersteller beträgt 400 Millionen Euro, 100 Millionen davon entfallen allein auf die DHU. Über den Gewinn schweigt sich die Firma aus.

Fritzsche selbst sieht kein Problem im Sponsoring: "Mit allen Sponsoren bestehen nahezu identische Verträge", teilt er auf Anfrage mit, "die mich zur Einhaltung relevanter Gesetze sowie weltanschaulicher, wissenschaftlicher und politischer Neutralität verpflichten und darüber hinaus die Unabhängigkeit von Redaktion und wissenschaftlichem Beirat vertraglich absichern." Auch Werbung für die Produkte sei ausgeschlossen.

Für ein vom Anbieter als journalistisch-redaktionell gestaltetes Angebot im Sinne des § 55 Abs. 2 RStV angesehener Blog ist aber auch der Pressekodex zu berücksichtigen. Dort heißt es: "Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden." Und weiter: "Wer sich für die Verbreitung oder Unterdrückung von Nachrichten bestechen lässt, handelt unehrenhaft und berufswidrig." Zu der Frage, wie er das mit seinem Sponsoring vereinbare, nahm Fritzsche trotz zahlreicher Mails, in denen er juristische Schritte nicht ausschloss und "Suggestivfragen" kritisierte, inhaltlich bis heute nicht Stellung.

Fritzsche betreibt noch weitere Seiten, auf denen er wissenschaftlich nicht anerkannte oder esoterische Therapien empfiehlt und Homöopathie-Kritiker anschwärzt, darunter Journalisten von Spiegel, Spiegel Online, Zeit, Süddeutsche Zeitung, Süddeutsche.de. Und natürlich immer wieder Edzard Ernst. Die Vorwürfe sind immer die gleichen: unseriöses Arbeiten, Inkompetenz, einseitige und verzerrte Darstellung von Fakten. Seine Seiten verlinkt Fritzsche untereinander, um ihr Google-Ranking zu erhöhen. Neben CAM Media.Watch gehören Fritzsche die Seiten www.psychophysik.com, www.neuraltherapie-blog.de und www.esowatch.org.

Werbung für gefährliche Therapien

Auf dem Neuraltherapie-Blog wirbt er für eine Therapie, nach der der Körper durch Injektionen von Lokalanästhetika zur Selbstheilung angeregt werden soll. Die Nebenwirkungen dieser wissenschaftlich nicht anerkannten und umstrittenen Therapie können tödlich sein. Auf der Seite Psychophysik.com beschäftigt sich Fritzsche mit esoterischen Phänomenen, unter anderem mit Geist- und Fernheilung, ferner betreibt er dort einen Homöopathie-Blog (H.Blog), in dem er ebenfalls gegen Kritiker vorgeht.

Auf diesen Seiten tauchen immer wieder dieselben Wissenschaftler auf - in verschiedenen Rollen. So interviewt Imke Plischko, die in München Neuraltherapie anbietet, auf dem Neuraltherapie-Blog Claus Fritzsche zu seinem CAM Media-Watch-Blog und sie rezensiert noch einmal Max Rauners Porträt, natürlich mit Verweis auf Fritzsches Schmähartikel auf CAM Media.Watch. Weiterer ständiger Gast auf Fritzsches Seiten: Harald Walach, der seit 2010 das umstrittene Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) leitet. Walach ist im Impressum von Fritzsches CAM Media.Watch-Blog als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats aufgeführt.

Die Uni steht unter heftiger Kritik, weil dort Studien zur Hellseherei und Vermittlung esoterischer Heilverfahren durchgeführt werden. Unter anderem hatte ein Masterabsolvent in einem Experiment untersucht, ob ein von ihm konstruiertes Gerät neben dem Kontakt zu Außerirdischen und Verstorbenen auch Hellsehen erleichtert. Walachs Stiftungsprofessur wird finanziert von der Firma Heel, die wiederum Fritzsches CAM-Media.Watch-Blog unterstützt. Der Blog von Walachs Institut für transkulturelle Wissenschaften wiederum verweist auf CAM Media.Watch.

Netzwerk der Verisse

Fritzsche, Walach, Plischko und andere - es ist ein Netzwerk, das sich gegenseitig die Bälle zuspielt. Das belegt auch eine interne E-Mail, die der SZ vorliegt. Darin schickte Fritzsche den Entwurf seines Max-Rauner-Verrissartikels an sein Netzwerk mit der Bitte um "Prüfung von Inhalt und Stil". Insbesondere spricht er in der E-Mail Harald Walach an, weil der "eine Menge Hintergrundwissen zu diesem Thema hat". Auch für stilistische Anregungen sei Fritzsche dankbar. Mit journalistisch seriösem Arbeiten, das der angebliche Medizin- und Wissenschaftsjournalist Claus Fritzsche immer wieder von seinen Kollegen fordert, hat all dies nichts mehr zu tun.

Wie stehen Fritzsches Auftraggeber zu seinem Engagement? Der DZVhÄ sieht auf Anfrage keinerlei Probleme darin, Journalisten derart zu unterstützen: "Berichten Journalisten nachweislich falsch oder verzerrend über die Homöopathie", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, "dann fragen wir bei ihnen nach und berichten in unseren Medien auch darüber. Bei uns haben Journalisten die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzustellen - uns ist aber eine journalistische Tugend wichtig: Rede und Gegenrede." Dass es zur journalistischen Tugend gehört, kein Geld von Konzernen und Vereinen für Berichterstattung anzunehmen, ist dem DZVhÄ offenbar nicht wichtig.

Auf die Frage, ob Claus Fritzsche in ihrem Auftrag homöopathiekritischen Journalisten und Wissenschaftlern einseitige und verzerrte Darstellung und schlechte Recherche vorwerfe, teilten die Firmen DHU, Heel, Weleda, Wala, Hevert in nahezu identischen Statements mit: "Wir unterstützen den konstruktiven Dialog in der Komplementärmedizin." Niemand werde auf CAM Media.Watch an den Pranger gestellt, "die Unterstellung der Diffamierung von Personen können wir deshalb nicht nachvollziehen. Wir würden dies auch nicht unterstützen wollen."

Journalisten zu finanzieren, so die Firmen, halte man für rechtens, weil die Finanzierung transparent sei und den Redaktionsbetrieb des Blogs CAM Media.Watch betreffe. Zudem sei die redaktionelle Unabhängigkeit gewährleistet und vertraglich geregelt. Ein Auftrag bestehe also nicht und einen wirtschaftlichen Vorteil habe man durch Fritzsches publizistische Tätigkeiten auch nicht. Stellt sich nur die Frage, wie lange die Konzerne Fritzsche noch "sponsern" würden, wenn er plötzlich auf die Idee käme, Homöopathie-Kritiker zu loben.

© SZ vom 30.06.2012/beu

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