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Hirnforschung:Von der Schnecke zum Menschen?

"Ich denke, wir werden eines Tages in der Lage sein, Erinnerungen zu verändern, um Traumata in unseren Gehirnen zu verringern", hofft der Forscher. "Nicht in unmittelbarer Zukunft, aber irgendwann werden wir in der Lage sein, in das Gehirn einzelner Menschen zu gehen, den Ort identizifieren, wo sich die Erinnerung an die traumatische Erfahrung befindet und versuchen, sie abzuschwächen", hofft er.

Allerdings, so schränkt er ein, ist das Gehirn das komplizierteste Organ im Körper. Tatsächlich sind im menschlichen Hirn etliche neuronale Schaltkreise an der Bildung und Speicherung von Erinnerungen beteiligt, verschiedene Aspekte einer Erfahrung werden an unterschiedlichen Stellen im Hirn verarbeitet. Das Gehirn der Aplysia-Meeresschnecke benötigt dafür nur einige wenige Nervenzellen. Wenn Glanzmans Hoffnung sich tatsächlich bewahrheiten sollte, dann in einer sehr, seher fernen Zukunft. Und auch das "kleine Blitzdings", über das Agent Jay im Film Men in Black verfügt, ist und bleibt Science-Fiction.

Außerdem betrachten manche Menschen die Vorstellung, traumatische Erfahrungen einfach löschen zu können, mit großer Sorge. So hat der Erinnerungsforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine "äußerst schwierige moralische Frage" handelt.

"Wenn wir Teile eines Gedächtnisses löschen, ändert das die komplette Persönlichkeit eines Menschen. Wenn Sie ihm sein Gedächtnis nehmen, rauben Sie ihm praktisch die Existenz. Daher wäre ich hier extrem vorsichtig", erklärte er in der SZ. Allerdings könnte es seiner Meinung nach hilfreich sein, zum Beispiel bei Menschen, die sich in Gefahrensituationen begeben - etwa Feuerwehrleute - eine Traumatisierung im Voraus zu verhindern.

Gerade dies aber hält etwa der Verband der Vietnam-Veteranen für gefährlich. Denn damit würde es möglich, auch dem Krieg einen Teil seines Schreckens zu nehmen. Skrupel und Angst vor der Erfahrung könnten schließlich verhindern, dass Soldaten leichten Herzens in die Schlacht ziehen.

Gefühle wie Reue würden keine Rolle mehr spielen. Und je leichter sich Erinnerungen löschen lassen, umso realistischer wird die Gefahr, dass sich auch Verbrechen vertuschen lassen, in dem Zeugen manipuliert werden.

Da es in Experimenten mit Tieren und auch mit Menschen bereits gelungen ist, mit Hilfe von Verhaltenstraining Erinnerungen zu tilgen, sind Versuche ohne Medikamente vielleicht der bessere Ansatz.

© sueddeutsche.de/segi
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