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Hirnforschung:Träume vom Löschen des Traumas

US-Forscher lassen ihre Versuchstiere eine unangenehme Erfahrung vergessen, indem sie ein bestimmtes Enzym im Gehirn blockieren. Nun träumen sie davon, dass man auch Menschen in Zukunft von traumatischen Erinnerungen erlösen kann.

M. C. Schulte von Drach

Wer möchte nicht manche Dinge einfach vergessen und so weiterleben als wäre nie etwas geschehen? Besonders gilt das für schreckliche Erfahrungen wie Vergewaltigungen, furchtbare Unfälle, Kriegserlebnisse - Erfahrungen, die zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) führen, unter denen auch deutsche Soldaten nach Einsätzen im Ausland immer häufiger leiden.

Aplysia

Das Nervensystem einer Meeresschnecke. US-Forscher haben bei solchen Tieren eine Konditionierung "gelöscht".

(Foto: Cornell University)

Es sind genau diese Beispiele, die von Wissenschaftlern immer wieder genannt werden, wenn sie von ihren Versuchen berichten, Teile des Gedächtnisses zu löschen. Das war so, als amerikanische, französische und kanadische Forscher in den vergangenen Jahren entsprechende Erfolge an Nagern erzielt hatten. Und das gilt auch für Diancai Cai und David Glanzman von der Univesity of California in Los Angeles, USA.

Dabei forschen die kalifornischen Neurowissenschaftler nicht an Menschen, ja nicht einmal an Säugetieren, sondern an Meeresschnecken der Gattung Aplysia. Bei diesen allerdings ist es ihnen gelungen, das Langzeitgedächtnis zu löschen oder zumindest deutlich abzuschwächen, wie sie jetzt im Journal of Neuroscience berichten.

Die Erinnerungen wird bei den Schnecken wie bei Menschen gespeichert, indem die Verbindung zwischen bestimmten Nervenzellen verstärkt, zwischen anderen dagegen geschwächt wird. Dabei spielt ein bestimmtes Enzym eine wichtige Rolle: die Proteinkinase M (PKM). Wird deren Aktivität blockiert, wirkt sich dies darauf aus, ob und wie Erinnerungen aufrechterhalten werden.

Die Wissenschaftler verabreichten den Schnecken Elektroschocks. Dann berührten sie die Tiere an einer der Atemröhren (Siphons) in der Leibesmitte. Während die Schnecken die Kiemen normalerweise reflexartig für einige Sekunden einziehen, dauerte die Reaktion nun etwa 50 Sekunden. Die Tiere waren "sensibilisiert". Nach einer Woche zogen die Schnecken die Atemorgane bei einer Berührung noch immer für 30 Sekunden ein.

Dieser Kiemenrückzugreflex ist ein bekanntes Beispiel für klassische Konditionierung, eine besondere Form des Langzeitgedächtnisses. Bei der Meeresschnecke - einem der Lieblingsobjekte der Neurowissenschaftler - verstärkt sich dabei die Verbindung zwischen der "spürenden" Sinneszelle und dem "ausführenden" Motoneuron.

Wenn die Forscher den Tieren anschließend einen Stoff spritzten, der die Proteinkinase M blockierte, reagierten die Schnecken 24 Stunden später wieder mit dem normalen Reflex von zwei bis drei Sekunden - die Behandlung mit den Elektroschocks war offenbar "vergessen". "Die Langzeiterinnerung ist weg", so die Schlussfolgerung Glanzmans.

Das einfache Nervensystem der Schnecken erlaubte es den Wissenschaftlern, diese Beobachtung auch gezielt an genau den zwei Nervenzellen, über die der Reflex ausgelöst wird, zu bestätigen. Dazu entfernten sie diese Zellen aus den Schnecken und hielten sie in einer Petrischale am Leben.

Was in den Zellen genau geschieht, wenn die Aktivität der Kinase blockiert wird, ist noch unbekannt. Aber "wenn wir es einmal wissen, können wir das Langzeitgedächtnis verändern", erklärt Glanzman. Das werde Folgen haben für die Behandlung von psychischen Störungen, die mit dem Gedächtnis zusammenhängen. Auch für die posttraumatische Stressstörung.

Von der Schnecke zum Menschen?

"Ich denke, wir werden eines Tages in der Lage sein, Erinnerungen zu verändern, um Traumata in unseren Gehirnen zu verringern", hofft der Forscher. "Nicht in unmittelbarer Zukunft, aber irgendwann werden wir in der Lage sein, in das Gehirn einzelner Menschen zu gehen, den Ort identizifieren, wo sich die Erinnerung an die traumatische Erfahrung befindet und versuchen, sie abzuschwächen", hofft er.

Allerdings, so schränkt er ein, ist das Gehirn das komplizierteste Organ im Körper. Tatsächlich sind im menschlichen Hirn etliche neuronale Schaltkreise an der Bildung und Speicherung von Erinnerungen beteiligt, verschiedene Aspekte einer Erfahrung werden an unterschiedlichen Stellen im Hirn verarbeitet. Das Gehirn der Aplysia-Meeresschnecke benötigt dafür nur einige wenige Nervenzellen. Wenn Glanzmans Hoffnung sich tatsächlich bewahrheiten sollte, dann in einer sehr, seher fernen Zukunft. Und auch das "kleine Blitzdings", über das Agent Jay im Film Men in Black verfügt, ist und bleibt Science-Fiction.

Außerdem betrachten manche Menschen die Vorstellung, traumatische Erfahrungen einfach löschen zu können, mit großer Sorge. So hat der Erinnerungsforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass es sich hier um eine "äußerst schwierige moralische Frage" handelt.

"Wenn wir Teile eines Gedächtnisses löschen, ändert das die komplette Persönlichkeit eines Menschen. Wenn Sie ihm sein Gedächtnis nehmen, rauben Sie ihm praktisch die Existenz. Daher wäre ich hier extrem vorsichtig", erklärte er in der SZ. Allerdings könnte es seiner Meinung nach hilfreich sein, zum Beispiel bei Menschen, die sich in Gefahrensituationen begeben - etwa Feuerwehrleute - eine Traumatisierung im Voraus zu verhindern.

Gerade dies aber hält etwa der Verband der Vietnam-Veteranen für gefährlich. Denn damit würde es möglich, auch dem Krieg einen Teil seines Schreckens zu nehmen. Skrupel und Angst vor der Erfahrung könnten schließlich verhindern, dass Soldaten leichten Herzens in die Schlacht ziehen.

Gefühle wie Reue würden keine Rolle mehr spielen. Und je leichter sich Erinnerungen löschen lassen, umso realistischer wird die Gefahr, dass sich auch Verbrechen vertuschen lassen, in dem Zeugen manipuliert werden.

Da es in Experimenten mit Tieren und auch mit Menschen bereits gelungen ist, mit Hilfe von Verhaltenstraining Erinnerungen zu tilgen, sind Versuche ohne Medikamente vielleicht der bessere Ansatz.

© sueddeutsche.de/segi
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