Statine Cholesterinsenker können Gedächtnis trüben

4,5 Millionen Deutschen werden jährlich Statine zur Senkung der Blutfette verordnet. Dabei begünstigen sie offenbar kurzfristige Gedächtnisstörungen.

Von Werner Bartens

Der Zusammenhang ist kaum zu leugnen. Wer Statine oder andere Medikamente einnimmt, um seine Blutfettwerte zu verringern, leidet im folgenden Monat fast viermal so oft an Gedächtnisstörungen wie jene Menschen, die keine Lipidsenker schlucken. Auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung ist zu erkennen: Je größer die eingenommene Menge an Medikamenten, desto wahrscheinlicher ist die kognitive Leistungsabnahme binnen 30 Tagen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Ärzteteam um Brian Strom im Fachblatt Jama Internal Medicine (online).

Die Mediziner von der Rutgers University und der University of Pennsylvania hatten Daten von fast einer Million Menschen analysiert. Die Hälfte von ihnen nahm Statine, die anderen 50 Prozent schluckten Fettsenker, die zu anderen Substanzgruppen gehörten. In beiden Gruppen litten auffällig mehr Patienten unter kurzzeitigem Gedächtnisverlust und anderen Einschränkungen ihres Erinnerungsvermögens. "Das bedeutet entweder, dass alle Cholesterin-senkenden Mittel den gleichen Einfluss auf das Kurzzeitgedächtnis haben, was aber aus wissenschaftlicher Sicht seltsam wäre, denn die Medikamente sind ja unterschiedlich aufgebaut", sagt Strom. "Womöglich liegt es aber auch an einer statistischen Verzerrung, weil die Leute, die ein neues Medikament schlucken, häufiger zum Arzt gehen und aufmerksamer auf ihre Gesundheit achten."

In jüngster Zeit wurde in mehreren Fachartikeln berichtet, dass Statine in den ersten Wochen nach Einnahmebeginn die Erinnerung trüben können. Aus Sorge davor haben sich bereits Patienten geweigert, die Mittel zu schlucken. Andere Studien kamen hingegen zu dem Schluss, dass die populären Fettsenker langfristig sogar die Gedächtnisleistung verbessern. In den USA nimmt jeder vierte Erwachsene jenseits der 45 Statine, in Deutschland werden sie 4,5 Millionen Menschen jährlich verordnet. Unter den umsatzstärksten Medikamenten weltweit finden sich mehrere Statin-Präparate. Unbestritten ist ihr Nutzen in der Sekundärprävention, das heißt, um einen zweiten Infarkt zu verhindern. Die Mittel werden aber in der Mehrzahl mittelalten, übergewichtigen Männern verordnet, die noch keinen Infarkt hatten und für die der Nutzen weniger gut belegt ist.

Strom vermutet, dass Patienten, die unter Gedächtnisverlust leiden, diesen mit der Statin-Einnahme überhaupt erst bemerken, weil sie womöglich eine Nebenwirkung s erwarten. "Auch wenn es nichts damit zu tun hat, schieben sie die Schuld dann auf die Arznei", sagt der Mediziner. Ob das tatsächlich die zahlreichen Studien erklärt, in denen Patienten von Gedächtnislücken berichten? Erinnert werden muss auch daran, dass Strom und sein Ko-Autor Sean Hennessy Berater-Honorare von gleich mehreren großen Statin-Herstellern beziehen.

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