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Gemischte Gefühle: Neid:Zusammenleben dank Neid

Neid gilt mit gutem Grund als Auslöser zahlreicher aggressiver Verhaltensweisen von Vandalismus bis Völkermord. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer war Neid eine "giftige Kröte", für Shakespeare ein "grünäugiges Monster". Seinen Ursprung hat das Wort im althochdeutschen nid, was so viel wie Hass, Groll und feindselige Gesinnung bedeutet. Wozu soll Neid also gut sein?

Der Soziologe Helmut Schoeck war überzeugt, erst die Furcht vor dem zerstörerischen Neid anderer habe das Zusammenleben in größeren Gruppen ermöglicht. Seit die Menschen vom Neid wissen, versuchen sie sich davor zu schützen, unter anderem indem sie ihr Hab und Gut miteinander teilen.

Schon in der Antike suchten die Menschen, den Neid der Götter mit Opfergaben zu besänftigen, und bis heute sollen in einigen Kulturen Amulette gegen die neidischen Blicke des "Bösen Auges" schützen. Doch kann eine so mächtige Emotion ihren Sinn ausschließlich darin haben, dass sie anderen Angst einflößt?

Studien mit Affen eröffnen eine weitere Interpretationsmöglichkeit. Dies zeigte etwa ein Experiment der Verhaltensbiologen um Frans de Waal von der Emory University. Die Forscher spielten mit Kapuzineraffen und belohnten sie dabei mit Leckereien. Boten die Forscher dem einen Tier köstliche Trauben und dem anderen lediglich ein Stück schnöde Gurke an, verweigerte der benachteiligte Kapuzineraffe empört die Annahme sowie die weitere Zusammenarbeit in dem Spiel.

Um zu verstehen, dass Neid auch etwas mit Unrechtsempfinden zu tun hat, braucht man allerdings keine Tierversuche. Bereits Aristoteles postulierte einen gerechten Neid bei ungleicher Verteilung der Güter. Und Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb sogar der liberale Politiker Walter Rathenau in sein Notizbuch: "Gerechtigkeit entspringt dem Neide, denn ihr oberster Satz ist: allen das Gleiche."

Für Teile der deutschen Bevölkerung gilt das bis heute. So ergab eine Umfrage des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts im vergangenen Jahr, dass Ostdeutsche bei dem Wort "Neidgesellschaft" an eben jene ungleiche Güterverteilung denken, die auch Aristoteles im Sinn hatte, an Ungerechtigkeit und Benachteiligung. Westdeutsche hingegen gaben an, sich eher herausgefordert zu fühlen, anderen nachzueifern. Die Studie ergab zudem einen Geschlechts-Unterschied: Während es Frauen eher traurig stimmt, wenn sie weniger haben als andere, ärgern sich Männer über sich selbst.

Glücklich ist hingegen, wer im Vergleich mit anderen besser abschneidet, dann zeigt sich das Belohnungszentrum im Gehirn aktiv. Dass der ständige Drang, sich mit anderen zu vergleichen, mit der Hirnregion verknüpft ist, die Gewinnergefühle und Anerkennung verarbeitet, hat ein Forscherteam um den Bonner Neuroökonomen Armin Falk vor drei Jahren nachgewiesen.

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