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Frage der Woche:Sind Allergien eine Zivilisationskrankheit?

Vereinzelte Hinweise auf allergische Reaktionen gibt es bereits aus der Antike und dem Mittelalter. Inzwischen ist in Europa etwa jeder Dritte betroffen. Ist das Leiden ein Phänomen der Neuzeit?

Markus C. Schulte von Drach

Allergien, so hört man allenthalben, nehmen dramatisch zu. Allein in Deutschland leiden inzwischen etwa jedes zehnte Kind und jeder fünfte Erwachsene unter Heuschnupfen, berichtet das Robert-Koch-Institut, und etwa sieben Prozent der Kleinen erkranken an Neurodermitis.

Richard III. - Hinweise auf eine Erdbeerallergie?

(Foto: Foto: oh)

Dazu kommen Kontaktallergien gegen Duftstoffe, Reinigungsmittel oder Metalle, Nahrungsmittelallergien und allergische Reaktionen auf Insektenstiche. Insgesamt, so erklärt die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) ) an der Berliner Charité, sind in Europa inzwischen etwa 30 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Doch wie kommt es zu dieser Zunahme - und ist sie überhaupt real? Oder werden heute lediglich mehr Krankheitssymptome mit einer Allergie in Zusammenhang gebracht, als in der Vergangenheit, so dass es sich nicht um einen Anstieg der Fälle, sondern um eine geschärfte Wahrnehmung gegenüber dem Phänomen handelt?

Auf jeden Fall erkranken Menschen schon lange an Allergien, und auch der Zusammenhang zwischen Krankheit und Ursache wurde in einigen Fällen schon früh entdeckt.

Früheste bekannte Allergiker

Als einer der ersten Allergiker wird in dem Buch "Insektenstichallergie" von Ulrich Müller vom Zieglerspital Bern der Pharao Menes genannt, der Begründer des altägyptischen Reichs. Menes wäre demnach etwa um das Jahr 2800 vor Christus von einer Biene oder Hornisse gestochen worden und bald darauf verstorben.

Wer sich allerdings die Hieroglyphen ansieht, die in dem Buch als Quelle dargestellt werden, muss kein Ägyptologe sein, um zu begreifen, dass es sich um einen Scherz des Schweizer Mediziners handelt. Deutlich sind neben dem Pharao, dem der Bienenstachel noch in der Nase steckt, Hieroglyphen zu erkennen, die einen Golfschläger, eine Teetasse, die Tower Bridge und etliche andere Gegenstände darstellen. Trotzdem wird Menes noch immer gern als erster historisch dokumentierter Allergiker dargestellt.

Etwas glaubwürdiger sind da schon die Berichte über Britannicus (41 bis 55 nach Christus), den Sohn des römischen Kaisers Claudius. Dieser soll, wenn er sich während militärischer Übungen auf ein Pferd setzen musste, allergische Reaktionen gezeigt haben: Seine Augen tränten und schwollen an, im Gesicht zeigte sich ein roter Ausschlag. Offenbar hatte der Römer eine Pferdeallergie.

Noch älter als diese Berichte ist allerdings der Begriff Asthma. Er wurde bereits von Hippokrates im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verwendet. Der griechische Arzt beschrieb darüber hinaus bereits einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Käse und einer offenbar allergischen Reaktion. Auch der römische Philosoph und Dichter Lukrez (1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) hatte bereits erkannt: "Was Nahrung für einige ist, kann übles Gift für andere sein."

Überlieferungen aus Persien aus der Zeit vor etwa 1000 Jahren berichten, dass viele Menschen im Frühjahr regelmäßig einen Schnupfen bekamen - immer zur Zeit der Rosenblüte. Vermutlich war der "Rosenschnupfen" eine allergische Reaktion.

Und im 15. Jahrhundert nutzte der englische König Richard III. angeblich eine mutmaßliche Allergie gegen Erdbeeren aus, um Gegenspieler auszuschalten. Richard ließ sich von seinem politischen Gegner einen Teller mit Früchten reichen. Zeigte der König dann die Symptome der Allergie, bezichtigte er sein Gegenüber des versuchten Giftmords und ließ ihn verhaften.

Möglicherweise spielte Shakespeare darauf an, als er Richard III. in seinem gleichnamigen Stück den Bischof von Ely um Erdbeeren aus seinem berühmten Garten bitten ließ.

Katzenallergie im 16. Jahrhundert

Konkreter werden die Hinweise auf Allergien im 16. Jahrhundert. So entdeckte zum Beispiel der italienische Arzt und Botaniker Pietra Andrea Mattioli um 1570, dass manche Menschen krank wurden, wenn sie sich in einem Raum aufhielten, in dem er eine Katze versteckt hatte. Mattioli verdächtigte zu Recht die Tierhaare als Auslöser.

Und einige Jahre zuvor hatte Mattiolis Landsmann Leonardo Botallo beobachtet, dass manche Menschen - wie die Perser 500 Jahre zuvor - in der Nähe blühender Rosen eine "Rosenerkältung" bekamen. 1552 heilte der Italiener Girolamo Cardano den Erzbischof von Edinburgh vom Asthma, indem er ihm vogelfederfreie Bettwäsche verschrieb.

1656 unternahm der französische Universalgelehrte Pierre Borel sogar den ersten Allergie-Hauttest, mit dem er nachwies, dass ein Patient auf Eier allergisch reagierte. Ende des 17. Jahrhunderts stellte der Brite John Floyer dann fest, dass Asthma sich in verrauchter Luft verschlimmerte.

1819 beschrieb John Bostock, ein Londoner Mediziner, einen alljährlich auftretenden "Sommerkatarrh", ein Leiden, das wir heute als Heuschnupfen kennen. Und dass die Symptome durch Gräserpollen ausgelöst wurden, vermutete 1833 sein Landsmann John Elliotson. Der Verdacht bestätigte sich in den folgenden Jahren, und der englische Wissenschaftler Charles Blackley empfahl seinen Asthma-Patienten bereits in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, die Pollensaison auf See oder am Meer zu verbringen.

1906 führte dann der Wiener Kinderarzt Clemens von Pirquet den Begriff "Allergie" für eine übertriebene Reaktion des Immunsystems ein.

Ein neues Phänomen sind Allergien demnach nicht. Doch wie häufig sie in der Vergangenheit auftraten, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahrzehnten zumindest in den Industriestaaten tatsächlich deutlich zugenommen hat.

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