bedeckt München

Frage der Woche:Gibt es das "Schwulen-Gen"?

Schwule Brüder

Auf Umweltfaktoren wiederum deuten etliche Studien an Geschwistern, die keine Zwillinge sind. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann homosexuell ist, umso größer, je mehr ältere Brüder er hat. Mit jedem Bruder wächst die Chance immerhin um 33 Prozent. Natürlich ist ein Mann mit drei älteren Brüdern deshalb nicht mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent schwul. Es handelt sich dabei um Werte, die über viele Männer gemittelt wurden. Bei Frauen wurde dieser Zusammenhang nicht beobachtet.

Woher der Effekt rührt, ist noch unklar. Möglicherweise hängt es mit hormonellen Prozessen während der Schwangerschaft zusammen. Demnach würde der erste Fötus die Bedingungen in der Gebärmutter verändern, so dass ein zweiter Embryo dort eine etwas andere Entwicklung durchmacht. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang zum Beispiel eine Reaktion des mütterlichen Immunsystems.

Es sind also offenbar tatsächlich sowohl Gene als auch Umweltfaktoren, die zur Entstehung der gleichgeschlechtlichen Liebe führen.

Doch lässt sich dieser Schluss mit der Evolutionstheorie in Einklang bringen? Wie können Gene vererbt werden, die den Träger bei der Fortpflanzung zumindest bremsen?

Inzwischen gibt es dazu mindestens zwei Erklärungsansätze: Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass jedes Individuum grundsätzlich bestrebt ist, seine Gene möglichst effizient zu verbreiten. Das geht natürlich über den eigenen Nachwuchs. Doch man ist ja auch mit seinen Geschwistern und deren Kindern verwandt.

Deshalb kann es sinnvoll sein, bei der Versorgung von Nichten und Neffen zu helfen, anstatt eigene Kinder aufzuziehen. Biologen sprechen hier von der "Gesamtfitness". Auch ein Mensch, der selbst keinen Nachwuchs zeugt, kann demnach dafür sorgen, das seine Gene erhalten bleiben - darunter dann auch jene, die eine Rolle bei der Homosexualität spielen könnten.

Ein mathematisches Modell

Eine andere mögliche Erklärung dafür, dass solche Gene nicht aussterben, bieten italienische Wissenschaftler der Universität von Padua. Bereits seit längerer Zeit weiß man, dass Frauen, die homosexuelle Männer in der Verwandtschaft haben, etwas mehr Nachwuchs zeugen als Frauen ohne solche Verwandten.

Camperio Ciani und seine Kollegen entwickelten kürzlich ein mathematisches Modell, das dieses Phänomen erklären könnte. Die Forscher postulierten zwei "Schwulen-Gene": eines auf dem X-Chromosom und eines auf einem der anderen, nicht das Geschlecht bestimmenden Erbgutträger.

Diese, so berichteten die Wissenschaftler kürzlich im Fachmagazin PLoS ONE, könnten die Fruchtbarkeit von Frauen erhöhen und von Männern verschlechtern, indem sie dazu führen, dass ihre Träger - und zwar beide Geschlechter - besonders stark von Männern angezogen werden. Das könnte die Fruchtbarkeit der Frauen erhöhen, so dass die betroffenen Gene in der Population erhalten bleiben, auch wenn die betroffenen Männer weniger Nachwuchs bekommen, weil sie schwul sind.

Bleibt festzuhalten, dass die Wissenschaft noch weit davon entfernt ist, die gleichgeschlechtliche Liebe zu erklären. Aber eines ist klar: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie weniger schön ist als die verschiedengeschlechtliche Liebe, oder dass es einen Grund gibt, Menschen daran zu hindern, sie zu leben.

© sueddeutsche.de/als
Zur SZ-Startseite