bedeckt München 23°

Frage der Woche:Gibt es das "Schwulen-Gen"?

Zwischen zwei und zehn Prozent der Menschheit fühlen sich zum gleichen Geschlecht hingezogen. Wissenschaftler versuchen zu erklären, warum.

Markus C. Schulte von Drach

Als Dean Hamer vom US-amerikanischen National Cancer Institute in Bethesda 1993 behauptete, er hätte ein Homosexuellen-Gen identifiziert, war die Aufregung groß. Schließlich wird Homosexualität von manchen Menschen und sogar in manchen Gesellschaften sogar noch heute als abnorm, abartig oder krankhaft beurteilt.

Hauptsache Liebe.

(Foto: Foto: ddp)

Die Lesben- und Schwulenbewegung befürchtete - und befürchtet noch immer -, dass die Suche nach den Ursachen sexueller Vorlieben zu weiterer Diskriminierung führen könnte, oder dass Homosexualität bereits in Föten nachgewiesen werden könnte, um diese dann abzutreiben oder genetisch zu "korrigieren".

Aus naturwissenschaftlicher Sicht lässt sich allerdings eindeutig feststellen, dass Homosexualität weder abnorm, noch abartig oder gar krankhaft ist. Die Vorliebe für das gleiche Geschlecht ist im Gegenteil etwas völlig Normales.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist lediglich eine von etlichen Verhaltensweisen, die im Rahmen der Fortpflanzung im Tier- und Pflanzenreich beobachtet werden. Und schon die Verbreitung der Homosexualität - etwa zwei bis zehn Prozent der menschlichen Bevölkerung fühlt sich zum gleichen Geschlecht hingezogen - beweist ihre "Normalität". Dazu kommt, dass das Verhalten auch bei etlichen Tierarten zu beobachten ist. Warum ausgerechnet diese sexuelle Präferenz in vielen Gesellschaften trotzdem heftig diskriminiert wird, ist unklar.

Für Naturwissenschaftler ist Homosexualität vor allem aus zwei Gründen interessant: Zum einen möchte man - wie bei allen anderen Verhaltensweisen auch - verstehen, was dahintersteckt. Das Gleiche gilt für Heterosexualität ja genauso. Nur glaubt man, hier schon eine Menge mehr begriffen zu haben.

Und dann gibt es noch die Frage, die Evolutionsbiologen sich stellen: Wie konnte sich ein Verhalten entwickeln und bis heute behaupten, welches der Fortpflanzung hinderlich zu sein scheint? Sollten tatsächlich Gene dahinterstecken, so würde man erwarten, dass diese inzwischen aus den Populationen verschwunden wären. Schließlich können ihre Träger mit dem bevorzugten gleichgeschlechtlichen Partner keinen Nachwuchs zeugen.

Gerade diese Frage macht die Erforschung der Homosexualität hochinteressant. Genauso interessant übrigens, wie zum Beispiel jene, warum manche Menschen das Zölibat wählen und sich damit selbst von der Fortpflanzung ausschließen.

Dass Homosexualität tatsächlich irgendwie mit den Genen zusammenhängt, ist unter Wissenschaftlern inzwischen kaum noch umstritten. Zwar sprechen die Forscher nicht mehr von dem einen "Schwulen-Gen". Doch eine ganze Reihe von weiteren Zwillingsstudien deutet darauf hin, dass das Erbgut eine Rolle spielt.

Gene und Umwelt

So veröffentlichten Forscher von der University of London und dem Karolinska Institutet in Stockholm kürzlich eine Studie, an der 3826 gleichgeschlechtliche Zwillingspaare teilgenommen hatten. Etwa fünf Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen gaben an, schon mindestens einmal Sex mit einem Partner des gleichen Geschlechts gehabt zu haben.

Wie die Wissenschaftler im Journal Archives of Sexual Behavior berichten, wurden eineiige Zwillinge etwas häufiger beide vom selben Geschlecht angezogen als zweieiige. Mit anderen Worten: War ein Zwilling schwul, so war die Wahrscheinlichkeit, dass sein eineiiger Zwillingsbruder ebenfalls schwul war, etwas höher, als bei einem zweieiigen Zwillingsbruder.

Die Gene spielten demnach eine Rolle, und zwar eine größere als das soziale Umfeld während der Entwicklung. Doch wie die Forscher feststellten, waren Umweltfaktoren noch wichtiger, also zum Beispiel Ereignisse während der Schwangerschaft oder der Geburt, Traumata, Gewalt, Krankheiten - und auch sexuelle Erfahrungen.

"Homo- oder Heterosexualität entwickelt sich nicht nur über einen einzigen Pfad, sondern über mehrere", erklärte Qazi Rahman von der University of London. Und das gilt der Studie zufolge für Frauen noch stärker als für Männer.

Für den Einfluss der Gene sprechen möglicherweise auch Untersuchungen der Gehirne von Männern und Frauen. So ähneln die Denkorgane homosexueller Männer in einigen Punkten stärker denen von Frauen als von heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Allerdings ist nicht klar, ob die Hirnentwicklung hier tatsächlich von Genen so organisiert wurde, dass eine sexuelle Präferenz entstand, oder ob eine Vorliebe für das gleiche Geschlecht sich auf die Entwicklung des Hirns ausgewirkt hatte.

Zur SZ-Startseite