Forensik Die Form der Blutstropfen verrät den Tatablauf

(Foto: SZ-Wissen)

Frank Ramsthaler zum Beispiel macht sich die Methode zunutze. Er sitzt in der Bibliothek der Forensischen Medizin an der Universität Frankfurt und zeigt auf das Foto eines Wohnungsflurs, irgendwo in Hessen.

An den Wänden, auf dem Boden, überall ist Blut, tellergroße Lachen, Spritzer. Am Ende des Korridors zwischen Schuhen lag ein junger Mann mit schweren Halsverletzungen. Mit Freunden hatte er ein Champions- League-Spiel gesehen, dann gab es Streit. Blutstropfen sind beredte Zeugen. Manchmal sind sie geformt wie Kometen mit Schweif.

Ihre Gestalt verrät, wo im Raum zugestochen wurde. Sie ändert sich abhängig vom Winkel, mit dem ein Tropfen auftrifft. Wenn niemand ihn verwischt, behält er beim Trocknen seine Form und speichert so wertvolle Informationen: Wie lief die Tat ab? Führte jemand mehrfach kaltblütig das Messer - oder schlug er einmal im Affekt zu? Wie heftig ging er vor? Die Antworten können sich aufs Strafmaß auswirken.

Noch vor einem Jahr hatte Ramsthaler Blutspritzer an Tatorten per Augenschein untersucht und dann ihre Flugbahn mit einer mathematischen Formel errechnet. Um alle Bahnen vor Augen zu haben, hatte er Schnüre quer durch den Raum gespannt. Heute fotografiert er die Blutspuren, die Fäden zieht er nur noch virtuell - mit einer Spezialsoftware durch einen Wohnungsgrundriss am PC.

Nach dem Abend des Fußballspiels leugnete der Verdächtige den Angriff. Sein Freund habe ihn im Haus mit einem Messer angegriffen und sich im Handgemenge versehentlich selbst verletzt. Dagegen sprach auch die Obduktion: Der elf Zentimeter tiefe Stich am Hals zog sich von oben nach unten, ein Zeichen für einen Angriff. Schließlich verrieten die Blutspuren, wie der Abend wohl verlaufen war: Es musste einen Kampf vor dem Haus gegeben haben, und dort muss der Täter sein Opfer auch tödlich verletzt haben. Feinste Spritzer an der Decke des Vordachs gaben den Hinweis. "Dort hat jemand wahrscheinlich mit einem Messer ausgeholt und zugestochen", sagt Ramsthaler.

Ein Blutstropfen, ein einzelnes Haar oder auch Körpergewebe kann über ein Verbrechen erzählen. So konnte der Geoforensiker Wolfram Meier-Augenstein vor vier Jahren der irischen Polizei helfen, einen unbekannten Toten zu identifizieren.

Am Ufer des Royal Canal in Dublin hatten Polizisten den Torso eines schwarzen Mannes aus dem Wasser gezogen, jemand hatte ihm den Kopf vom Leib getrennt. Doch das Körpergewebe des Mannes verriet seine Herkunft: "Jede Region der Erde hinterlässt bei dem, der sich dort aufhält, eine Art chemischen Fingerabdruck", sagt Meier-Augenstein. Elemente wie Wasserstoff oder Sauerstoff tauchen in regionaltypischen Varianten auf, den Isotopen. Mit der Nahrung nimmt der Mensch sie auf und lagert sie im Gewebe ein. "Wir sind, was und wo wir essen und trinken", sagt Meier-Augenstein.

Der Deutsche, der heute im schottischen Dundee arbeitet, untersuchte Fingernägel, Schamhaare und Knochen des Toten. Der Mann kam demnach wahrscheinlich vom Horn von Afrika, aus Somalia oder Kenia und musste etwa sechseinhalb Jahre vor seinem Tod nach Irland eingewandert sein. Dieser Befund des Isotopengutachtens bewog das Gericht, einen DNS-Vergleich zwischen der Leiche und einem Jungen zu gestatten, auf dessen irische Mutter die Polizisten im Lauf der Ermittlungen gestoßen waren. War er der Sohn des Toten?