Forensik Bisswunden millimetergenau rekonstruiert

Nach 30 Jahren Fernseh-Tatort und den amerikanischen Krimivarianten wie "CSI" sollte man meinen, dass kein Krimineller mehr eine brauchbare Spur hinterlassen würde. Doch nach Amerkamps Erfahrung geschieht das nur selten. Viele Tötungen geschähen im Affekt, und die Täter warten neben dem Opfer schon auf die Polizei. Nur manche Berufskriminelle bemühen sich, Spuren am Tatort bewusst zu vermeiden. Wie, darüber sprechen die Beamten nicht.

Zehn Dinge, die Sie noch nicht wissen über ...

Haut

Der technische Fortschritt verschafft den Polizisten immer wieder Vorsprünge. Was nach herkömmlicher Vorgehensweise unklar bleibt, wird durch das Auge neuer Kameras, Scanner oder Tomografen zum starken Indiz. Manche Rechtsmediziner zum Beispiel obduzieren Mordopfer nicht mehr allein mit dem Skalpell. Pathologen der Uni Bern machen vorher eine virtuelle Autopsie, eine Virtopsy, um die Umstände eines Todes noch genauer zu rekonstruieren. Dazu legt Michael Thali die Verstorbenen zunächst unter einen Oberflächenscanner. Das Gerät tastet die Haut Pore für Pore ab, registriert auch kleinste Verletzungen wie Nadelstiche. Später wird die Leiche mit Computer- oder Magnetresonanztomografen durchleuchtet.

Aus den Einzelaufnahmen kann der Computer eine virtuelle 3D-Kopie des Körpers erstellen, durch die sich die Berner Spezialisten per Mausklick scrollen und zoomen können. Zwar bemängeln Kritiker die hohen Kosten der Technik und Ungenauigkeiten. Noch stimmen die Ergebnisse nur zu 60 bis 80 Prozent mit denen herkömmlicher Untersuchungen überein. "In zehn Jahren", schätzt aber Thali, "ist Virtopsy eine Standardmethode."

Denn die digitale Obduktion bringt schon heute Vorteile: Dank der im PC gespeicherten 3D-Dokumentation der Leiche lassen sich auch Jahre nach einer Beisetzung noch Fragen zur Todesursache klären. Um zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Verletzungen und Tatwerkzeugen herzustellen, simulieren die Mediziner ganze Tathergänge am Computer - wie etwa nach einem Dreifachmord bei Zürich: Polizisten hatten in einem Bordell drei ermordete Prostituierte gefunden. Ein gefasster Verdächtiger gab jedoch nur zu, in dem Etablissement gewesen zu sein, mehr nicht. Hatten die Frauen sich vielleicht im Streit gegenseitig getötet?

Ein Vergleich herkömmlicher Fotos von Bissverletzungen an der Schulter einer Toten mit den Zahnabdrücken der anderen Damen deutete tatsächlich darauf hin. Die Züricher Polizei stellte Übereinstimmungen fest. Doch dann machten sich die Berner mit ihrer Methode ein 3D-Abbild aller infrage kommenden Wunden und Zahnreihen, rekonstruierten den Biss im virtuellen Raum - und überführten den Mann: Millimetergenau konnten sie nachvollziehen, wie seine Zähne in die Haut der Frau eingedrungen waren.

Mit solchen räumlichen Rekonstruktionen arbeiten Rechtsmediziner nicht nur an Leichen, sie virtualisieren ganze Tatorte und lassen das Geschehen, mathematisch genau nachgebildet, noch einmal auf dem Bildschirm ablaufen. Nicht nur Verletzungen der Opfer, auch Blutspuren an den Wänden können so Tathergänge und Täter verraten.