Film über Endlager-Suche:"Dieses Dilemma wird vollständig verdrängt"

Lesezeit: 6 min

In Yucca Mountain soll in den USA eines Tages ein Endlager entstehen. Von den amerikanischen Ureinwohnern wird der Berg als heilig beschrieben.

Dieses Land ist den Indianern genommen worden. Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Sie wurden damals für den Atombombenbau und -test enteignet. Und jetzt baut man ein Endlager dort. Tom Isaacs von Stanford ist der Kopf hinter der Kommission, die sich mit der Yucca Mountain Frage beschäftigt. Ich habe ihn besucht, gefragt, wie ist das mit den Native Americans? Er hat gesagt, wenn wir dieses Problem auch noch behandeln, dann können wir gar nichts mehr machen. Übersetzt heißt das: Wenn wir die Rechte dieser Personen auch noch berücksichtigen würden, wären wir in den USA nicht mehr handlungsfähig.

Die Alternative ist, sie völlig zu übergehen.

Das ist mein Eindruck. Die Indianer haben kein Geld. Sie bluten dafür, um ihre eigenen Rechte zu verteidigen. Das heißt, jemand will auf meinem Land etwas bauen, und ich muss bezahlen. Ich bin Teil des Projekts, das jemand mir aufzwingt. Das ist in Gorleben auch so: Die Gegner finanzieren sich selber, das ist eigentlich nicht richtig. Die gegensätzliche Meinung ist Teil des Projekts, das sollte im Budget berücksichtigt werden.

Haben Sie auf der Reise Ideen oder Lösungen für Atommüll gesehen, die sie überzeugt haben?

Es ist schon eine gute Idee, den Atommüll wegzukriegen. Selbst wenn wir ein Endlager bewilligt bekommen, dauert es noch 40 Jahre bis es gebaut ist. Bis dahin müssen wir das Zeug irgendwie sichern. Wie überstehen wir die nächsten Jahrzehnte? Rechtlich sieht es so aus, dass die Länder den Atommüll nicht exportieren dürfen. Die Schweiz ist das einzige Land, das Atommüll exportieren darf unter bestimmten Auflagen. Im Grunde müssten also alle Länder mit Atomkraftwerken ein Endlager haben. Es müssen also sehr viele Endlager gebaut werden - und es ist noch nichts auf dem Weg. Das Zeug kann man ja nicht einfach so rumliegen lassen. Natürlich ist ein Zaun drum herum, aber nicht viel mehr. Da wird einem angst und bange.

Dennoch sind weltweit zahlreiche weitere Kernkraftwerke geplant...

In Großbritannien versucht man gerade, das nächste Atomkraftwerk in Hinkley Point durchzukriegen. Erst 2011 ist ein Endlagerprojekt eingestellt worden - und gleichzeitig will man ein neues Kraftwerk bauen. Obwohl man eigentlich einen gesellschaftlichen Konsens erreicht hatte, dass man das nur betreiben darf, wenn man eine Lösung für den Atommüll hat. Das ist unglaublich, oder? Dieses Dilemma wird vollständig verdrängt.

Film über Endlager-Suche: Regisseur Edgar Hagen

Regisseur Edgar Hagen

(Foto: W-Film)

Hochradioaktiver Atommüll muss für etwa eine Million Jahre sicher gelagert werden, so ist zumindest die Vorgabe in den USA. Es wird also ein Problem künftiger Generationen werden. Wie nimmt die junge Generation das aus Ihrer Sicht wahr?

Das Problem ist, dass viele Jüngere den Bau der Atomkraftwerke selbst, diesen Aufbruch in ein neues Zeitalter nicht mehr miterlebt haben. Sie müssen sich jetzt um den Abfall kümmern, ohne dass sie diese heftige Debatte miterleben, ohne dass sie von der Energie selbst profitieren. Ich habe den Film vor Schülern in Solothurn in der Schweiz vorgeführt. Die waren völlig platt, dass es so etwas wie Atommüll gibt. Die waren sich dessen gar nicht bewusst, das ist völliges Neuland für sie. Das ist die große Verantwortung der Gesellschaft: Wie bringen wir das Thema den Jüngeren nahe, denn die müssen sich in irgendeiner Form drum kümmern.

Die Dokumentation "Die Reise zum sichersten Ort der Erde" ist seit 19. März in deutschen Kinos zu sehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema