Raubjournale Schlag gegen Pseudowissenschaft

Die Zahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen in zweifelhaften Fachzeitschriften hat deutlich zugenommen.

(Foto: dpa)
  • Das Gericht im Bundestaat Nevada hat den indischen Verlagskonzern Omics zu einer Strafe von gut 50 Millionen Dollar verurteilt.
  • Unternehmen wie Omics werden als Raubverlage bezeichnet, weil sie Wissenschaftler in die Irre führen, die glauben, ihre Erkenntnisse in seriösen Fachjournalen unterzubringen.
  • Über eine Webseite sollen Forscher aus aller Welt melden können, falls sie sich von einem Raubverlag hintergangen fühlen.

Ein Bundesgericht im US-Bundesstaat Nevada hat den indischen Verlagskonzern Omics zu einer Strafe von gut 50 Millionen Dollar verurteilt und aufgefordert, seine Tätigkeiten in den USA einzustellen. Das Geschäftsmodell des Unternehmens besteht darin, gegen eine Gebühr Forschungsarbeiten weltweit in Journalen zu veröffentlichen, die den Anschein erwecken, anerkannten wissenschaftlichen Standards zu folgen. Unternehmen wie Omics werden daher auch als Raubverlage bezeichnet. Sie führen oftmals gutgläubige Wissenschaftler in die Irre, die annehmen, ihre Erkenntnisse in seriösen Fachjournalen unterzubringen.

Auch ohne Prozess sah es Richterin Gloria Navarro vom Bezirksgericht Las Vegas als erwiesen an, dass Omics-Journale Forscher systematisch täuschen. Etwa 700 verschiedene Magazine gibt der Konzern heraus, viele davon behaupten, einen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess der Studien vor der Veröffentlichung vorzunehmen. Anfallende Gebühren werden verschwiegen. Omics wirbt zudem damit, dass 50 000 Experten als Gutachter für die hauseigenen Journale arbeiten. Doch den Gerichtsunterlagen zufolge, ist das nur für 380 Personen nachzuweisen. Die indische Firmengruppe, die auch pseudowissenschaftliche Konferenzen veranstaltet, und in Nevada Postfächer hält, wirbt darüber hinaus mit den Namen von Forscherinnen und Forschern, die dazu nie ihr Einverständnis gegeben haben.

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Die vorgeblichen Fachjournale sind für die seriöse Wissenschaft extrem schädlich

Geklagt hatte die amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC. Die Höhe der Geldstrafe orientiere sich an den Kosten, die das Omics-Netzwerk laut FTC zwischen den Jahren 2011 und 2017 von seinen Kunden kassiert hat, schreibt die New York Times. Der Anwalt des Omics-Eigentümers Srinubabu Gedela wies alle Vorwürfe zurück und teilte der Zeitung mit, sein Mandant werde das Urteil anfechten. In einem Schreiben an den NDR kündigte das Unternehmen an, von der FTC Schadenersatz in Höhe von 3,1 Milliarden Dollar zu fordern. Gedela hatte im vergangenen Jahr Vertreter der Wettbewerbsbehörde als "Analphabeten" beschimpft.

Weil das Omics-Hauptquartier im indischen Hyderabad liegt, ist unklar, ob aufgrund eines amerikanischen Urteils tatsächlich Geld von dem Unternehmen zu jenen Forschern fließen wird, die sich betrogen fühlen. Der Sprecher des deutschen Hochschulverbands, Matthias Jaroch, begrüßte das US-Urteil dennoch und sprach gegenüber dem NDR von einem "klaren Zeichen" gegen "illegale Machenschaften". Der Cottbuser Tumorwissenschaftler und -chirurg Professor Björn Brücher sieht in dem Urteil ein Signal "an jeden Wissenschaftler in der Welt, nicht mit einem Raubverlag zusammenzuarbeiten", so sagte er dem NDR. Solche Verlage seien für die Wissenschaft "extrem schädlich".

Im Juli 2018 hatte eine Recherche von NDR, WDR und SZ-Magazin zusammen mit nationalen und internationalen Partnermedien gezeigt, dass mehr als 5000 deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Omics und anderen Raubverlagen ihre Forschung veröffentlicht haben. Dem Rechercheverbund war es damals gelungen, bei mehreren Raubverlegern sinnlose Studien mit erfundenen Daten zu veröffentlichen - auch in Omics-Journalen.

Der Wettbewerbsbehörde FTC seien auch amerikanische Konten des Omics-Netzwerkes bekannt, berichtet das Wissenschaftsjournal Science. Es sei aber unklar, ob die Behörde daraus Geld ziehen könne. Über die Webseite der FTC sollen Wissenschaftler aus aller Welt anzeigen können, wenn sie sich von einem Raubverlag hintergangen fühlen.

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