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Explosionen in China:Tödlicher Chemiecocktail in Tianjin

Löscharbeiten mit Wasser haben das Unglück in Tianjin womöglich noch vergrößert.

(Foto: AP)
  • Für die Explosionen in Tianjin sind vermutlich mehrere Stoffe verantwortlich. In Betracht kommen Calciumcarbid sowie die Düngemittel Ammoniumnitrat und Kaliumnitrat.
  • An der 100 000 Quadratmeter großen Unfallstelle ist zudem hochgiftiges Cyanid ausgetreten.
  • 1921 war in einem deutschen BASF-Werk Ammoniumnitrat explodiert - 561 Menschen starben.

Nach dem Explosionsunglück in der chinesischen Stadt Tianjin haben sich erste Chemie-Experten zu den möglichen Ursachen der Detonationen geäußert. "Wahrscheinlich war Calciumcarbid für die Explosion verantwortlich", sagte der Freiburger Chemiker Ingo Krossing der Badischen Zeitung. Das farblose Pulver dient der Herstellung von Schweißgas und Dünger und ist für sich genommen harmlos. Erst bei der Berührung mit Wasser reagiert Calciumcarbid zu Acetylen weiter - dieses Gas kann mit einer enorm heißen Flamme verbrennen. "Das kann eine Art Initialzündung gewesen sein für die heftigen Explosionen", sagte Krossing weiter.

"Für Calciumcarbid spricht, dass sich die Situation bei dem Löscheinsatz verschlimmert hat", sagt der Chemiker und Spezialist für hochenergetische Materialien Thomas Klapötke von der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Feuerwehrleute hatten in Tianjin zunächst mit Wasser gelöscht und dadurch vermutlich weitere Explosionen hervorgerufen. Die Düngemittel- und Schweißgasherstellung mittels Calciumcarbid sei zwar ein altes Verfahren, werde aber in China möglicherweise noch eingesetzt.

Am Mittwoch hatten mehrere Explosionen die chinesische Hafenstadt Tianjin erschüttert. Sie kosteten 114 Menschen das Leben, 70 werden noch in den Trümmern vermisst. Die erste Detonation entfaltete nach bisherigen Erkenntnissen die Wucht von drei Tonnen TNT, die zweite habe der Detonation von 21 Tonnen des Sprengstoffs entsprochen. Daher vermuten Chemiker, dass insgesamt mehrere Stoffe in einer Kettenreaktion beteiligt waren. So ist bekannt, dass auf dem Hafengelände auch Ammoniumnitrat und Kaliumnitrat in großen Mengen lagerten. "Das sind eigentlich harmlose Düngemittel", sagt Klapötke. Würden sie aber zusammen mit leicht brennbaren Substanzen wie Benzin oder Diesel gezündet, könne das gewaltige Explosionen hervorrufen.

So ereignete sich 1921 im BASF-Werk im pfälzischen Oppau das bislang schwerste Chemieunglück des deutschen Konzerns. Bei der Explosion von insgesamt 4500 Tonnen Ammoniumnitrat starben 561 Menschen. 1947 explodierte im Hafen von Texas City ein mit Ammoniumnitrat vollbeladenes Schiff, 581 Menschen kamen ums Leben. In Europa kam es 2001 zu einem schweren Unfall mit dem Stoff, in einer französischen Düngemittelfabrik starben 31 Menschen. Im Bergbau wird ein Gemisch aus Ammoniumnitrat und Treibstoff bis heute für Sprengarbeiten genutzt.

Angst vor der Giftwolke

Die chinesische Regierung schweigt bislang zu den Ursachen der Explosionen. Zumindest räumte das Militär ein, dass an der Unglücksstelle Natriumcyanid ausgetreten ist. Nach vorläufigen Schätzungen hätten sich in dem Gefahrgutlager "mehrere hundert Tonnen" des hochgiftigen Stoffes befunden, sagte General Shi Luze, der Generalstabschef der Region Peking. In chinesischen Medienberichten war zuvor von 700 Tonnen Natriumcyanid die Rede gewesen. Cyanid verhindert, dass die Zellen des Körpers Sauerstoff aufnehmen können. Der Mensch erstickt innerlich, obwohl genug Sauerstoff in der Atemluft vorhanden wäre. Natriumcyanid wird benutzt, um Edelmetalle wie Gold oder Silber aus Sanden oder Erzen herauszulösen. Auch beim Galvanisieren von Metallen wird Natriumcyanid verwendet.

Solange Cyanid als Pulver vorliege, seien die Gefahren kontrollierbar, sagt Chemiker Klapötke. Das Tückische ist auch hier der Kontakt mit Wasser. Dann kann der Feststoff zu gasförmiger Blausäure werden, die sich leichter in der Umwelt verteilt. An drei von 27 Messstationen im Wasser wurden bereits übermäßige Cyanid-Werte gemessen, die zum Teil das 24-Fache des erlaubten Wertes überschritten, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Zumindest dürfte das Gesundheitsrisiko durch Cyanid nur einige Tage lang anhalten. Der Stoff zersetzt sich relativ schnell in der Umwelt.

Nun soll der Chemie-Cocktail, der sich auf einer Fläche von 100 000 Quadratmetern verteilt hat, großflächig abgeschirmt und geräumt werden. 200 Chemie-Experten des chinesischen Militärs sind im Einsatz. "Sich in dem Explosionsgebiet zurechtzufinden, ist wegen brennender Chemikalien und verkanteter Container, die jeden Moment wegbrechen können, extrem gefährlich", sagte Wang Ke, Chef der Chemie-Spezialisten nach Angaben von Xinhua. "Wir mussten Markierungen anbringen, um uns nicht zu verlaufen."

Am Montag ereignete sich erneut eine kleinere Explosion. Mittlerweile wird nicht mehr mit Wasser gelöscht, kleinere Brände ersticken die Helfer mit Pulver und Sand. Dafür werden nun die Witterungsverhältnisse für die Räumarbeiten zur Gefahr: Für Montag und Dienstag sind in Tianjin Regenfälle angekündigt.

Linktipp: Der Augenzeugenbericht eines chinesischen Reporters aus Tianjin (auf Englisch)

© Süddeutsche.de/dpa/AFP/chrb/hach/mikö

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