Ehec in Deutschland Ärzte erwarten mehr Todesfälle

Zehn Menschen sind in Deutschland schon durch Ehec gestorben. Im Hamburger Universitätsklinikum werden immer neue Patienten eingeliefert, ein Arzt nennt die Lage ernst - niemand weiß, ob die neue Therapie mit Antikörpern wirkt: "Wir müssen davon ausgehen, dass wir erwachsene Patienten verlieren werden."

Viele Patienten müssen wegen des schweren Verlaufs einer Ehec-Erkrankung jetzt stationär im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) behandelt werden. Immer wieder würden erwachsene Patienten mit dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) eingeliefert, sagte UKE-Vorstandschef Jörg F. Debatin.

Der gefährliche Ehec-Erreger ist immer noch nicht unter Kontrolle gebracht worden. Die Zahl der Erkrankten steigt.

(Foto: dpa)

Am Samstag seien zehn Erwachsene eingeliefert worden. Bis zum Sonntagnachmittag wurden laut Debatin weitere sechs Erwachsene sowie zwei Kinder mit HUS in der Klinik aufgenommen. Insgesamt werden demnach derzeit 58 Patienten mit HU-Syndrom im UKE behandelt, davon 18 auf der Intensivstation. Die Ärzte erwarten weitere Todesfälle - Debatin: "Wir müssen weiterhin davon ausgehen, dass wir erwachsene Patienten verlieren werden."

Der Ausbruch der gefährlichen Darmerkrankung durch den Erreger Ehec in Deutschland ist laut der europäischen Gesundheitsbehörde einer der größten seiner Art weltweit. In einem Gefahrengutachten geht das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm (EDCD) am Samstag zudem davon aus, dass "die Quelle der Infektionen noch aktiv ist", weil die Zahl der Erkrankten weiter steige.

Die Vorfälle seien außergewöhnlich, weil hauptsächlich Erwachsene an dem von dem Ehec-Erreger ausgelösten HUS erkranken. "Gewöhnlich wird HUS bei Kindern unter fünf Jahren festgestellt. Dieses Mal sind 87 Prozent der Betroffenen Erwachsene und hauptsächlich Frauen (68 Prozent)", teilte die Behörde mit. Es handele sich nicht nur um einen der größten Ausbrüche der Krankheit weltweit, sondern auch um den größten jemals in Deutschland.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hält wegen der anhaltenden Erkrankungswelle durch den Ehec an der Warnung vor dem Verzehr für rohe Gurken, Blattsalate und ungekochte Tomaten fest. Aigner sagte Bild am Sonntag: "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand." Am Montag will sie sich gemeinsam mit Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) im Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) über den gefährlichen Darmerreger EHEC informieren.

Der Höhepunkt der Ehec-Welle ist offenbar noch nicht erreicht. Bis zum Samstag sind dem gefährlichen Darmkeim zehn Menschen zum Opfer gefallen. Die Zahl der Krankheits- und Verdachtsfälle steigt. Wo die Ursache liegt, ist weiter unklar.

Allerdings gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nun in drei Proben von Gurken unterschiedlicher Herkunft möglicherweise Hinweise auf das Vorhandensein des Ehec-Erregers. Für eine Bestätigung sind aber weitere Untersuchungen notwendig, wie das Verbraucherschutzministerium in Schwerin mitteilte. Die Ergebnisse werden nicht vor Mitte nächster Woche erwartet. Die Gurken wurden im Einzelhandel und in Gaststätten sichergestellt.

Ärzte setzen auf neue Behandlungsmethode

Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1000 bestätigte und Ehec-Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr etwa 900 gemeldete Infektionen mit den Bakterien. Von den zehn Toten waren neun Opfer Frauen. Bislang stammen alle Todesopfer aus Norddeutschland. Mehrere Menschen schweben in Lebensgefahr.

Mediziner setzen gegen HUS inzwischen auf eine neue Behandlung. So bekommen in der Hamburger Uniklinik Eppendorf (UKE) sechs Ehec-Infizierte mit Komplikationen den Antikörper Eculizumab, wie UKE-Professor Rolf Stahl am Samstag berichtete. Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris stellten im Fachblatt New England Journal of Medicine die erfolgreiche Behandlung von drei Kleinkindern mit diesem Antikörper vor. Die Kinder waren im vergangenen Jahr nach Ehec-Infektionen an HUS erkrankt.

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger verzichtet als Konsequenz auf viele Gemüsesorten. Betroffene Bauern beklagen Riesenschäden. Deutsche Erzeugerverbände meldeten unterdessen nach Labortests ihre Ware "Ehec-frei".

Angesichts wachsender Skepsis der Verbraucher durch die Ehec-Krise gehen die deutschen Obst- und Gemüseproduzenten in die Offensive. Große Erzeuger haben Stichproben ihrer Produkte testen lassen und meldeten nach entsprechenden Laborbefunden ihr Obst und Gemüse als "Ehec-frei".

Deutschlands Bauern klagen indes über starke Absatzeinbrüche. Der Vizechef des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Hans-Peter Witt, sieht "irrsinnige Schäden". Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Dies sei für viele Bauern existenzgefährdend.

Derweil werfen spanische Bauern deutschen Stellen vor, Landwirte in Spanien vorschnell mit dem Ehec-Erreger in Verbindung gebracht zu haben. Wenn die spanischen Gurken wirklich der Ausgangspunkt wären, hätte es längst auch Krankheitsfälle in Spanien geben müssen, argumentieren die Bauern. Nach Angaben der Regierung wurde in dem Land bisher kein einziger Fall gemeldet. Im Süden Spaniens liegt der Gurken- und Tomatenanbau lahm. Die Produkte finden keine Abnehmer mehr.