Psychologie:Bei Anblick Kratzen

Floh

Kann schon beim bloßen Anblick Juckreiz auslösen: ein Rattenfloh, der auch Menschen befällt.

(Foto: James Gathany, CDC)

Auf Bilder von Maden oder schmutzigen Toiletten reagieren viele Menschen mit Übelkeit, Floh-Bilder dagegen lösen Juckreiz aus. Warum ist das so?

Von Tina Baier

Ekel ist kein angenehmes Gefühl, aber ein sehr nützliches. Es verhindert, dass Menschen verdorbene Speisen essen oder ihre Finger in Kot oder eitrige Wunden und anschließend in den Mund stecken. So schützt Ekel davor, mit Dingen in Kontakt zu kommen, die viele Krankheitserreger enthalten, und sich dabei zu infizieren.

Weil Menschen sich auch vor Krabbeltieren ekeln, ist es gängige Lehrmeinung, dass die Emotion auch vor Parasiten wie Mücken, Läusen oder Flöhen schützen soll. Ein Team von Psychologen um Tom Kupfer von der englischen Nottingham Trent University bezweifelt das jedoch nun. Im Wissenschaftsjournal Proceedings of the Royal Society B postulieren sie, dass Menschen für die Abwehr von Parasiten, die auf der Haut herumkrabbeln, einen eigenen, unabhängigen Schutzmechanismus entwickelt haben.

Der Anblick von Dingen, die gefährliche Infektionserreger enthalten, die besser nicht in den Körper gelangen sollten, löse Übelkeit und Brechreiz aus, schreiben die Studienautoren. Der von Ektoparasiten hingegen, die den Menschen von außen angreifen, um etwa Blut zu saugen, habe eine viel sinnvollere Abwehrreaktion gegen diese Art der Attacke zur Folge: das Bedürfnis, die Haut zu inspizieren, sich zu kratzen und die Parasiten dadurch zu entfernen.

Die Probanden mussten sich Fleisch mit Maden und ein Bett voller Wanzen anschauen

In mehreren Experimenten zeigten die Psychologen mehr als 1000 Probanden Videos, die jeweils genau 90 Sekunden dauerten und in denen entweder Ektoparasiten oder mögliche Quellen von Krankheitserregern zu sehen waren. Anschließend fragten sie die Studienteilnehmer nach ihren Emotionen und ihren körperlichen Reaktionen.

Die Probanden mussten sich ein abstoßendes Sammelsurium an Videosequenzen anschauen: Unter den Szenen mit Ektoparasiten war ein Katzenjunges voller Flöhe, ein Bett voller Wanzen und eine Nahaufnahme von einer blutsaugenden Mücke.

Die Szenen mit Quellen von Krankheitserregern zeigten unter anderem ein Stück Fleisch, in dem sich Maden winden, eine heftig eiternde Wunde am Arm und einen schwarzen Klumpen Ohrenschmalz. Das mit Abstand ekligste Video zeigte aber dreckige Toiletten, die während eines Festivals aufgenommen worden waren.

Die Psychologen machten das Experiment dreimal: Zweimal in den USA und einmal in China. Das Ergebnis war eindeutig. Bei den Szenen mit Flöhen, Wanzen und Mücken begannen die Probanden sich zu kratzen und berichteten später, dass es sie gejuckt hatte, dass "ihre Haut kribbelte" , oder dass sie den unwiderstehlichen Drang hatten, sich zu kratzen.

Als sie dagegen nach ihren Reaktionen auf die Videos von Pathogen-verseuchten Orten und Dingen gefragt wurden, sagten sie Sätze wie "Mir wurde übel", "Mir drehte sich der Magen um" oder "Ich hatte das Gefühl, gleich erbrechen zu müssen".

Die Studienautoren werten dieses Ergebnis als Hinweis darauf, dass Menschen im Lauf der Evolution verschiedene verhaltenspsychologische Mechanismen gegen Ektoparasiten auf der einen und gegen krankheitserregende Viren und Bakterien auf der anderen Seite entwickelt haben.

Die Beobachtung, dass die Reaktionen bei Menschen in den USA und in China im Prinzip dieselben waren, lässt vermuten, dass es sich bei der Parasiten-Abwehr um einen kulturübergreifenden Mechanismus handelt. Von der Vermeidung des Kontakts mit Krankheitserregern weiß man das schon lange. Egal ob in Indien, Afrika oder Europa, die Hitliste der Widerlichkeit führen überall die gleichen Dinge an: Kot, Kadaver und Eiter.

© SZ/weis
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