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Coronavirus:Testen, aber richtig

Corona-Test in einem Drive-In in Niedersachsen

Weil die Labore am Limit arbeiten, dauert es häufig zu lange, bis die Testergebnisse vorliegen.

(Foto: dpa)

Die Labore sind am Limit, Experten sprechen von "Wahnsinn": In Deutschland wird zu viel getestet, die Ergebnisse kommen zu spät. Auf das Timing kommt es an.

Kommentar von Christian Endt

Ausgiebiges Testen ist wesentlicher Bestandteil jeder erfolgreichen Strategie zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Doch nicht jeder Test hilft, falsches Testen schadet sogar. Es kommt darauf an, gezielt zu testen, schnell zu testen und auf die Testergebnisse konsequent zu reagieren.

Die Realität sah in Deutschland zuletzt anders aus.

Die Zahl der Corona-Tests steigt stetig an, auf zuletzt knapp eine Million pro Woche. Die Kapazitätsgrenze rückt näher. Selbst die Laborärzte warnen mittlerweile in deutlichen Worten vor einer Überlastung - obwohl sie mit den Tests Woche für Woche Millionen Euro umsetzen. Wenn man so weitermache, seien bald nicht nur ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebrannt, sondern auch die Vorräte an Reagenzien verbraucht.

Weil die Labore am Limit arbeiten, dauert es häufig zu lange, bis die Testergebnisse vorliegen. Gesundheitsämter und Hausärzte berichten von rapide steigenden Wartezeiten. Dabei ist die Geschwindigkeit entscheidend. Denn inzwischen ist gut belegt, dass die Ansteckungsgefahr am größten ist, bevor der Überträger selbst Symptome zeigt. Also etwa drei bis vier Tage, nachdem er selbst sich infiziert hat. Selbst wenn sich jemand gleich nach Einsetzen der Symptome testen lässt und das Ergebnis wirklich schnell vorliegt, sind die Kontaktpersonen dieser Person dann womöglich bereits seit mehreren Tagen infiziert - und kurz davor, selbst ansteckend für andere zu werden.

Erst wenn ein Test positiv zurückkommt, beginnen die Gesundheitsämter mit dem Aufspüren der Kontaktpersonen, um auch diese zu testen und unter Quarantäne zu stellen. Kommt der Test erst nach fünf Tagen, wie es derzeit häufig der Fall ist, hat nicht nur eine eventuell infizierte Kontaktperson bereits weitere Kontakte angesteckt, sondern auch diese Kontaktpersonen sind womöglich schon wieder in der ansteckenden Phase. Dann lässt sich die Infektionskette kaum noch unterbrechen.

Dazu kommt, dass kein Test absolute Gewissheit bringt - egal, ob er negativ oder positiv ausfällt. Viele positiv Getestete sind zwar infiziert, aber nicht infektiös - die Viruslast ist also zu gering, als dass sich andere anstecken könnten. Im umgekehrten Fall bringt ein Test womöglich nur deshalb ein negatives Ergebnis, weil sich die Person noch in der Inkubationszeit befindet - ein paar Tage später könnte es schon anders aussehen. Es kommt auf das Timing an. Mitunter kann es also sinnvoll sein, die gleiche Person mehrmals zu testen - sinnvoller, als möglichst viele Personen einmal zu einem wahllosen Zeitpunkt zu testen.

Es ist erst einmal richtig, dass Bund und Länder das kostenlose Testen von Rückkehrern aus Nicht-Risikogebieten nach der Feriensaison wieder einstellen wollen. Auch die Jedermann-Tests, die Bayerns Staatsregierung weiter anbieten will, müssen überdacht werden.

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Sollten die Kapazitäten dennoch knapp werden, müssen konkrete Verdachtsfälle bevorzugt und breit angelegte Tests wie für Reiserückkehrer oder gar für die Gesamtbevölkerung zuerst weggelassen werden. Binnen 24 Stunden nach dem Abstrich sollten die Testergebnisse in den Gesundheitsämtern ankommen und die Mitarbeiter mit der Kontaktverfolgung beginnen können.

Der "hochgradig ärgerliche Testwahnsinn" müsse ein Ende haben, sagte neulich der Leiter eines großen Gesundheitsamtes im Vertrauen. Statt große Ankündigungen zu machen und sie überstürzt umzusetzen, sollte die Politik in Zukunft vielleicht vorher mit den Praktikern sprechen.

© SZ/saul/cat
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