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Biomedizin:Ist das ein Mensch?

Stammzellforscher können im Labor synthetische Embryonen erzeugen. Was darf man mit diesen "menschlichen Entitäten" machen - und was nicht?

Von Kathrin Zinkant

Allein der Gedanke wirkt sonderbar, und der Anblick ist es noch mehr: Wie ein winziger Embryo sieht das Gebilde unter dem Mikroskop aus, ein Häufchen Zellen, das sich sortiert, anordnet, entwickelt. Nur Fachleute können erkennen, dass es nicht aus Ei- und Samenzelle entstanden ist - sondern ganz ohne Befruchtung, einfach so, aus weiterentwickelten Stammzellen. Zellen, die zwar bekanntlich einiges können, zum Beispiel Nerven oder Muskeln hervorbringen. Aber sogar einen Embryo?

Tatsächlich hat die biomedizinische Forschung fast unbemerkt eine weitere, einst unüberwindbar erscheinende Hürde genommen, den direkten Schritt von der Stammzelle zum Embryo. Und angeführt von den Stammzellforschern Nicolas Rivron und Martin Pera fordert eine Gruppe von Experten nun in Nature, sich mit diesem zwiespältigen Erfolg auch ethisch auseinanderzusetzen. Rivron leitet an der Universität Maastricht ein Labor für synthetische Embryologie. Pera vom Jackson Laboratory in Bar Harbor, USA, gilt als Pionier des Feldes. Gemeinsam mit Kollegen rufen sie dazu auf, den moralischen Status der "synthetic human entities with embryo-like features", kurz Sheefs, auszuloten.

Lebensfähig sind die "menschlichen Entitäten" derzeit noch nicht

Wirklich lebensfähig sind die embryo-ähnlichen Gebilde derzeit zwar noch nicht, aber sie stellen schon jetzt hervorragende Modelle dar, lassen sich in großer Zahl herstellen und auch genetisch verändern. Wissenschaftler könnten an Sheefs deshalb viele ungeklärte Fragen zu den ersten Entwicklungstagen befruchteter Eizellen untersuchen, auch Probleme der künstlichen Befruchtung und der Empfängnisverhütung ließen sich womöglich lösen. Die Frage bleibt aber, wie echt die "Entitäten" künftig noch werden - und ob sie möglicherweise den gleichen Schutz erhalten sollten wie ihre Vorbilder. "Es erscheint möglich, aus Stammzellen Modelle zu entwickeln, die sich im Labor nicht mehr von echten Embryonen unterscheiden lassen", schreiben Rivron, Pera und Kollegen. In Mäusen nisten sich solche Modellembryonen sogar schon in die Gebärmutter ein.

Eine ethische und rechtspolitische Debatte halten deshalb auch deutsche Fachleute für angezeigt, zumal das in Deutschland geltende Embryonenschutzgesetz von 1991 längst den Anschluss an die Forschung verloren hat und auch für künstliche Embryonen keine spezifischen Regeln bereithält. "Es besteht erhebliche Rechtsunsicherheit", sagt der Jurist Jochen Taupitz von der Universität Mannheim. "Sinnvoll wäre, diese Debatte an die aktuellen Bemühungen um eine internationale Regulierung der genetischen Eingriffe in die menschliche Keimbahn anzuhängen", sagt Joachim Boldt vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg. Forderungen nach einer solchen Regulierung waren vor zwei Wochen laut geworden, nachdem ein chinesischer Forscher behauptet hatte, erstmals Embryonen genetisch verändert zu haben - Embryonen, die dann auch eingepflanzt und geboren wurden. Ob die zwei Babys tatsächlich existieren, ist allerdings nach wie vor unklar.

© SZ vom 13.12.2018
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