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Biologie:Wölfe fressen eher Rehe als Schafe

Seit der Jahrtausendwende sind Wölfe wieder in der Lausitz heimisch - und seitdem haben die Menschen dort Angst um ihre Weidetiere. Doch die Rudel reißen kaum Ziegen oder Schafe, sondern vor allem Rehe.

Sechs Geißlein soll der böse Wolf verschlungen haben. Das Siebte entwischte, weil es sich im Uhrkasten versteckte. Doch auch der sagenhafte Appetit des Wolfes auf Nutztiere ist wohl nur ein Märchen.

Woelfe in Deutschland reissen nur wenige Nutztiere

Wolf im Gehege des alternativen Bärenparks im thüringischen Worbis. Freilaufende Wölfe stellen laut den Wissenschaftlern kaum eine Gefahr für Nutztiere dar.

(Foto: dapd)

Tatsächlich haben Ziegen, Schafe und andere Weidetiere nur einen verschwindend kleinen Anteil am Speiseplan des Raubtiers, stellten Wissenschaftler der Senckenberg Gesellschaft fest. Seit der Jahrtausendwende sind Wölfe wieder in der Lausitz heimisch - und seitdem haben Menschen in diesen Gegenden wieder Angst vor den Tieren. Die Besorgnis, dass die Wölfe dem Vieh gefährlich werden könnten, steht dabei an erster Stelle.

Das Team des Zoologen Hermann Ansorge vom Senckenberg Forschungsinstitut in Görlitz untersuchte acht Jahre lang den Kot von Wölfen in der Lausitz. Elf Rudel leben dort nach Angaben des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz mittlerweile. Mehr als 3000 Häufchen sammelten die Forscher ein und untersuchten sie auf Haare, Zähne und Knochenstücke.

Die Kot-Analysen zeigen: Ganz oben auf dem Speisezettel rangiert das Reh mit gut der Hälfte der Beute. Rothirsche machen ein Fünftel, Wildschweine knapp 18 Prozent der Nahrung aus. Letztere werden vor allem im Winter und Frühjahr zur Beute, wenn es mehr geschwächte Tiere und Frischlinge gibt. Dagegen hatten Nutztiere, vor allem Schafe, nur einen Anteil von gut einem halben Prozent.

Daraus kann man nicht ohne weiteres auf die Zahl der gerissenen Schafe schließen", schränkt Ansorge ein, "denn nicht jedes getötete Tier wird gefressen." Werden die Wölfe gestört, flüchten sie mit leerem Magen. Mehr als 300 gerissene Nutztiere haben Viehalter in den vergangenen acht Jahren gemeldet. Sie erhalten eine Entschädigung, wenn der Wolf als Täter nicht auszuschließen ist. Wie häufig es aber in Wirklichkeit Hunde waren, sei nicht genau bekannt, berichtet Ansorge.

Andererseits werde wohl auch nicht jedes gerissene Tier gemeldet, denn wenn ein Schaf nicht hinter einem Elektrozaun geschützt war, gibt es auch keinen Schadenersatz. Zäune und Herdenschutzhunde, aus Landesmitteln gefördert, seien nötig für die friedliche Koexistenz von Viehhaltung und Wölfen, betont Ansorge. "Der Wolf verzichtet ja nicht auf Schafe, weil er sie nicht mag, sondern er geht keine Risiken mit Elektrozäunen und Hunden ein, wenn er genügend Wildtiere jagen kann."

Für den Zoologen sind die Ergebnisse nicht nur zur Beruhigung der Viehalter interessant. Sie zeigen auch, dass Wölfe einerseits Traditionen haben, sich andererseits an veränderte Bedingungen anpassen. Die Vorfahren der Lausitzer Wölfe lebten in Polen vorwiegend von Rotwild. Jungtiere übernehmen Jagd- und Ernährungsgewohnheiten von ihren Eltern, und so blieb in den ersten Jahren nach der Einwanderung der Anteil von Hirschen an der Nahrung hoch.

Doch da es im eher offenen Gelände der Lausitz mehr Rehe gibt, wandelten sich die Sitten, die Wölfe jagten häufiger Rehe. Damit änderte sich zugleich das Verhalten, denn ein Hirsch wird von größeren Rudeln gejagt, ein Reh kann ein einzelner Wolf erlegen. Auch Studien in Italien belegen die Flexibilität der Raubtiere: Wo der Wildbestand stieg, fielen Wölfe seltener Nutztiere an.

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