Bewusstseinsforschung:Forschung in Krisengebieten

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Diese Prozesse können auch durch die Erfahrung von extremem Stress und Gewalt in Gang gesetzt werden, wie der Neuropsychologe Thomas Elbert von der Universität Konstanz darlegte. Er erforscht mit seinem Team im Labor und in den Krisengebieten der Welt, wie sich extreme Gewalt in Gehirn, Geist und Genom niederschlägt. Elbert und andere Forscher konnten nachweisen, dass Partnergewalt eine schwangere Frau derart unter Stress setzt, dass über biochemische Prozesse auch das ungeborene Kind dauerhaft geschädigt werden kann. Es wird eher zum Borderliner werden, ängstlicher und hyperaktiver sein, anfällig für Drogen; vermutlich ändert sich auch das Aktivitätsmuster seiner Gene.

Natürlich belasten traumatische Erfahrungen gerade auch Kinder und Jugendliche. Elbert hat dies unter anderem bei Kindersoldaten in Ruanda untersucht, die häufig die Ermordung ihrer Geschwister und Eltern erlebt haben, oder diese selber töten mussten. Sie entwickeln ein, so Elbert, "heißes Gedächtnis", bei dem sich ein assoziatives Schreckens-Netzwerk ohne Zeit und Ort ins Gehirn einbrennt. Gespeichert sind Bilder, Gerüche und Szenen, verbunden mit schrecklichen Emotionen, die selbst durch kleine Anlässe immer wieder ausgelöst werden. Das ist der Grund, wieso in manchen Ländern relevante Teile der Bevölkerung psychotisch gestört in den Hütten sitzen und deren Schicksal den Wiederaufbau der Gesellschaft behindert - eine dunkle Wechselwirkung zwischen Geist und Gesellschaft.

Wieso erkranken Menschen, die in der Stadt geboren wurden, häufiger an Schizophrenie?

Doch sogar Elbert hat eine gute Botschaft zu verkünden, die mit der vom Biopsychologen Güntürkün bedauerten Formbarkeit der Erinnerungen zu tun hat. Wenn man im Rahmen einer speziellen Therapie die traumatischen Erinnerungen wieder aufruft und durcharbeitet, lassen sich diese recht erfolgreich wieder an die konkrete Situation rückbinden und ins "kalte Gedächtnis" abspeichern. Das erlaubt vielen Traumatisierten, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen. "Psychotherapie ist so mächtig", sagte Elbert, "dass der Geist auch die Hardware ändert."

Psychisch krank werden Menschen aber natürlich nicht nur in Extremsituationen. Darauf wies ZI-Direktor Andreas Meyer-Lindenberg hin, der nicht nur an Stofftieren geforscht hat. Er betonte die Bedeutung normaler sozialer Umweltfaktoren. So konnte er mit seinem Team in bahnbrechenden Experimenten belegen, wie etwa die vergleichsweise banale Angst um den sozialen Status bestimmte Gehirnregionen und Schaltkreise unter Stress setzt, die mit dem Ausbruch von Depressionen in Verbindung gebracht werden.

Überraschend, so Meyer-Lindenberg, sind auch zwei weitere, mittlerweile gut belegte Phänomene: Menschen, die in der Stadt geboren wurden, haben ein Leben lang ein um 300 Prozent erhöhtes Risiko, an Schizophrenie zu erkranken - selbst dann, wenn sie später auf das Land ziehen. Auch bei Migranten weltweit ist die Schizophrenierate um 200 Prozent erhöht. Liegt dies auch am Stress? An der Diskriminierung? Aber wieso zeigen auch integrierte Migranten der zweiten Generation diese Anfälligkeit? Im Rahmen der neuen Disziplin der Neurogeografie wollen die ZI-Wissenschaftler nun der Frage nachgehen, welche Aspekte der Stadt krank machen.

Dann wäre zumindest eine weitere Wechselwirkung im Rahmen der Ausgangsfrage geklärt: Ja, die Gesellschaft kann aus Gründen, die man finden wird, den Geist krank machen. Womit aber die größte Frage überhaupt noch offen bleibt: Was genau ist denn überhaupt der Geist?

Wer ist Träger des Bewusstseins?

Wovon reden wir überhaupt, wenn wir ständig vom Geist reden? Sollten wir nicht etwas bescheidener anfangen und erst mal überlegen, wer denn diese Träger des Bewusstseins sind? Dafür plädierte der Psychologe Wolfgang Prinz, Ex-Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig: "Was sind überhaupt Subjekte? Wie unterscheiden sich Subjekte von Nicht-Subjekten? Und können Subjekte aus Wesen hervorgehen, die keine Subjekte sind?"

Prinz skizzierte eine elegante Theorie, die davon ausgeht, dass Subjektivität ebenso eine Naturtatsache wie eine soziale Tatsache sei. Soll heißen: Schon das neugeborene Baby nimmt sich aus biologischen Gründen irgendwie wahr, aber erst in der sozialen Interaktion mit den anderen und deren Imitation erfährt es sich als soziales Subjekt und konstituiert sein Ich: Das Selbst erscheint erst im Spiegel der anderen. Solche Spiegelmechanismen seien mehr als eine Metapher, wie etwa die Entdeckung der Spiegelneuronen belege oder die Tatsache, dass Menschen am Konferenztisch die Körperhaltungen der anderen unwillkürlich nachahmen. Solche Spiegelmechanismen konstituierten Gesellschaft, in der letztlich auch Spiegelpolitik betrieben werde und sich jedes Subjekt fragte: Darf ich mitspiegeln?

Alles klar?

Wie gut, dass die Veranstalter auch noch Michael Pauen eingeladen hatten, der an der Berliner Humboldt-Universität die Philosophie des Geistes lehrt und zu epistemischer Demut riet. Schon richtig, sagte er, es gebe Riesenfortschritte im Labor, doch die würden immer nur neue Probleme aufwerfen. Selbst bei den neuen Megaprojekten der Hirnforschung wie etwa dem milliardenteuren Human Brain Project in Lausanne sei ein Durchbruch nicht absehbar. Dort habe man gerade mal eine Funktionseinheit des Rattengehirns im Computer simuliert, das menschliche Gehirn besitze aber eine Million solcher Einheiten mit jeweils der sechsfachen Zahl an Neuronen.

Es sei noch nicht einmal klar, was genau man erforschen wolle, sagt Pauen. Immer noch seien alle Theorien des Bewusstseins primär metaphorisch, ohne dass sich diese annäherten, empirisch seien sie nicht zu fassen. Wir wüssten also gar nicht so genau, was wir meinen, wenn wir von unserem Ich reden und fragen, wie wir zu diesem gekommen seien. Das Fazit: "Wir wissen noch nicht, was wir nicht wissen."

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