Architektur Gaudís Geheimnis

"Ich fürchte, ich", sagt Mark Burry und lacht. Das kann er, das darf er, denn Mark Burry und seinem Kollegen Jordi Bonet ist das für Laien Unvorstellbare gelungen: Sie haben tatsächlich die Mathematik hinter den organischen Bauformen geknackt. Und nun schweißen, nach ihren Maßgaben, Arbeiter auf dem Gerüst seltsam zugeschnittene Stahlträger schräg zu einer Art geknickten Raute zusammen.

2026 Im hundertsten Todesjahr Antoni Gaudís soll das Werk vollendet und die Arbeit am Bau der Sagrada Família abgeschlossen sein.

(Foto: Foto: dpa)

Dass die elegant geschwungenen Stahlseile zwischen den Trägern einer definierten, geometrischen Kurve folgen, sieht der Betrachter nicht sofort. Und doch folgt die gesamte verspielte Deckenform mit ihren trichterartigen Öffnungen strengen Regeln.

"Alles in dieser Kirche ist Mathematik", sagt Jordi Bonet, der verantwortliche Architekt der Sagrada Família. Sie sei Gaudís wahres Vermächtnis. Oder, wie Mark Burry es sagt, der Melbourner Professor für Innovation: "Gaudí hat uns seinen Kodex hinterlassen."

Kennt man aus gewöhnlichen Häusern nur die lotrechte Ecken tragender Wände, so hat Gaudí sie verkrümmt, verdreht, die Flächen gebogen, und doch geht sein Plan stets auf - in Formen, wie Mathematiker sie lieben: Eine Gerade, die sich auf einer Linie bewegt, erzeugt dadurch eine Regelfläche. Wenn sie beispielsweise auf einem Kreis rotiert, entsteht ein Zylinder.

Alle Flächen hier sind sogenannte Regelflächen, Paraboloide, Hyperboloide, die wie Sanduhren aussehen. Wer in der Sagrada Família nach Regelflächen sucht, braucht zwar einen geschulten Blick. Denn in den Säulen der Kirche gehen oft mehrere dieser Flächen ineinander über. "Aber ich habe die spezielle Fähigkeit, Regelflächen zu sehen", sagt Mark Burry. "Sie sind die Botschaft Gaudís."

Lange sah es so aus, als würde man diese Aussage niemals in der Realität überprüfen können. Immer wieder gab es Proteste gegen den Weiterbau der Sagrada Família, und bis in die Neunzigerjahre hinein fehlte oft das nötige Geld.

Monatsetat von einer Million Euro

Das Team bestand damals aus drei Architekten, heute arbeiten 20 Architekten und 150 Handwerker auf der Baustelle, ihr Monatsetat liegt bei einer Million Euro. Mark Burry kam 1979 als 21-jähriger Student nach Barcelona, und wie die Menschen ihn heute oft fragen, was ihm die Berechtigung gebe, die Kirche weiterzubauen, fragte er genau dies die damaligen Architekten.

Wie konnten sie den Arbeitern erklären, was sie bauen sollten - ohne Pläne? Burry fragte damals die "old guys", wie er sagt, die fast 90-jährigen Architekten Isidre Puig und Lluís Bonet, die Gaudís Erbe verwalteten. "Alles steckt in den Modellen", antworteten sie knapp.

In kleineren und größeren Modellen aus Gips hatte Antoni Gaudí in den 43 Jahren, die er an der Sagrada Família arbeitete, vor allem die Statik der Kathedrale getestet. Allein am Entwurf eines einzigen Fensters arbeitete er zwölf Jahre lang, baute immer neue Modelle, veränderte, probierte, passte die Neigung der Öffnung an, vereinfachte das Prinzip, so wie sich auch Organismen in der Natur immer wieder ausdifferenzieren.

Und dann rechnete Gaudí. "Ein Problem mit vielen unbekannten Faktoren muss schrittweise gelöst werden", notierte er, und es klingt, als habe Gaudí den Satz für Mark Burry aufgeschrieben. "Wir betreiben heute eine Art reverse engineering", sagt Burry. "Wir versuchen zu verstehen, was schon gebaut ist."