bedeckt München 25°

100 Jahre Wernher von Braun:"Moralische Bedenken waren uns fremd"

War er ein Held der Raumfahrt oder ein Kriegsverbrecher? Auf jeden Fall war Wernher von Braun ein Technik-Genie mit zweifelhafter Moral. Vor 100 Jahren wurde der deutsche Raketenkonstrukteur geboren, der Hitlers Wunderwaffe "V2" baute und die US-Astronauten ins All brachte.

Die drei jungen Männer, die mitten in Berlin Gegenstände in die Luft jagen, sind Idealisten - ziemlich kaltschnäuzige Idealisten. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, eine Rakete zu entwickeln. Sie wollen ein Geschoss bauen, das sich aus eigener Kraft vom Erdboden erhebt, das durch den Himmel zischt und eines Tages zu fernen Planeten fliegt.

Wernher von Braun

Wernher von Braun im Kennedy-Raumfahrtzentrum auf Cape Canaveral in Florida vor einer Saturn-I-Rakete. Mit einer Saturn-Rakete brachen die US-Astronauten auch zum Mond auf.

(Foto: dpa)

Auf einem verlassenen Schießplatz experimentieren sie deshalb Anfang der 1930er Jahre mit Raketendüsen und Flüssigtreibstoffen. Manchmal sind sie erfolgreich. Oft gibt es nur einen lauten Knall.

Die Berliner Raketenbastler haben ein großes Problem: Ihr Hobby ist kaum zu finanzieren. Das ändert sich, als eines Tages eine schwarze Limousine vorfährt. Drei Männer steigen aus und interessieren sich für die Raketen. Sie sind vom Militär, vom Heereswaffenamt. "Uns war das ziemlich egal, wir brauchten Geld", wird einer der Bastler später sagen. "Moralische Bedenken waren uns fremd, wir waren einzig daran interessiert, den Weltraum zu erkunden. Uns stellte sich daher nur die Frage, wie wir die goldene Kuh am besten melken konnten."

Dieser junge Raumfahrtenthusiast hieß Wernher von Braun, damals gerade einmal 20 Jahre alt, ein Visionär, genial und skrupellos zugleich. Jahrzehnte später sollte er sowohl die V2 als auch die Saturn V entwickeln, Hitlers Vergeltungswaffe und Kennedys Mondrakete.

Und er sollte immer dort zur Stelle gewesen sein, wo es eine Kuh zu melken gab: bei den Nazis, die London mit einer neuartigen Waffe vernichten wollten, beim amerikanischen Militär, das eine Rakete für seine Atombomben suchte, bei einem jungen US-Präsidenten, der den kalten Krieg im Weltall gewinnen wollte. Es war ein Leben für die Rakete, ein Leben für die Raumfahrt. An diesem Freitag wäre Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun 100 Jahre alt geworden.

"Amoralischen Opportunismus" attestiert Michael Neufeld, Raumfahrthistoriker im National Air and Space Museum in Washington, dem deutschen Raketenpionier. Mehr als 20 Jahre lang hat sich Neufeld mit dem Leben von Brauns beschäftigt. Eine fast 700 Seiten starke Biographie ist daraus hervorgegangen ("Wernher von Braun: Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges", Verlag Siedler).

Neufeld sieht in von Braun den Prototyp eines Wissenschaftlers, der sich nicht um die gesellschaftlichen und politischen Folgen seines Handelns schert. Wie einst Goethes Faust sei der Physiker einen Pakt mit dem Teufel eingegangen - mit durchaus verständlichen Hintergedanken: "Er wollte etwas erreichen, das seines Erachtens eine Verbesserung für die Menschheit bedeutet."

Eine Kindheit, die sämtliche Klischees erfüllt

Von Brauns Kindheit verläuft alles andere als teuflisch. Sie erfüllt vielmehr sämtliche Klischees, die zum Bild eines jungen wissenschaftlichen Genies passen. Im Alter von sieben Jahren bastelt der Sohn eines preußischen Gutsbesitzers Baumhäuser. Mit zwölf schraubt er an Autos herum. Die Schule ist eher nebensächlich, Lehrer halten ihn für "stinkfaul". Als der Sohn sitzenzubleiben droht, schicken ihn die Eltern auf ein Elite-Internat nach Weimar. Es ist bekannt für liberale Bildung, aber auch für rechtskonservative politische Ansichten.

Wernher von Braun

Von Braun erklärt anhand eines Modells die Funktion von Raketen-Raumschiffen. Praktische Erfahrungen hatte der Ingenieur mit seiner "V2"-Rakete gemacht, Hitlers Wunderwaffe.

(Foto: dpa)

Zur Konfirmation bekommt Wernher ein Teleskop, wenig später fällt ihm ein Buch des siebenbürgischen Raumfahrtpioniers Hermann Oberth in die Hände. Es heißt "Die Rakete zu den Planetenräumen" und ist gespickt mit Formeln und unverständlichen Symbolen. Von Braun bittet seinen Lehrer um Hilfe. "Doch der sagte mir nur, ich müsse lernen, Mathematik und Physik zu beherrschen - meine beiden schlechtesten Fächer", wird er später erzählen.

Feuerwerksraketen werden zur Leidenschaft des jungen Wernher. Er jagt sie ins elterliche Gewächshaus und zerstört dabei die Blumenkohl-Ernte. Er bindet sie an seinen roten Bollerwagen und lässt das Gefährt die Tiergartenallee hinunter sausen. Die Polizei verhört ihn, der Vater hält eine Standpauke. "Für ihn gab es nichts anderes mehr als Raketen und Raumfahrt - ein Fanatismus, der ihn blind machte für die Bedeutung aller anderen Dinge", schreibt Neufeld.

Deshalb stört es von Braun auch nicht, als das Militär Anfang der 30er Jahre die Berliner Experimente finanzieren will. Genauso wenig stößt er sich daran, dass seine Doktorarbeit über Flüssigkeitsraketen, im Alter von 22 Jahren mit der Note "außergewöhnlich" abgeschlossen, als "geheime Kommandosache" eingestuft und unter Verschluss gehalten wird.

1937 zieht von Braun nach Usedom. Er wird technischer Direktor der neu gegründeten Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Er intensiviert seine Raketenforschung und passt sie an die militärischen Bedürfnisse an. Der ehrgeizige Ingenieur tritt der NSDAP bei. Er wird Mitglied bei der Waffen-SS, in der er bis zum Sturmbannführer aufsteigt. Später wird sich von Braun damit verteidigen, dass er nur so seine Forschung - also seine Lebensaufgabe - fortsetzen konnte.

Fünf Jahre vergehen, dann ist von Braun an seinem Ziel: Sein "Aggregat 4", ein 14 Meter hohes, schwarz und weiß lackiertes Ungetüm, ist einsatzbereit. Als erste Rakete durchbricht das Geschoss die Grenze zum Weltall. Die Nazis nennen es "Vergeltungswaffe 2", kurz V2.

Etwa 3200 dieser schwarz-weißen Raketen feuern sie in den letzten Kriegsmonaten ab, hauptsächlich auf London und Antwerpen. 8000 Menschen sterben dabei. Fast dreimal so viele Menschen sterben im Konzentrationslager Mittelbau-Dora östlich von Göttingen, wo die V2 unter unmenschlichen Bedingungen zusammengeschraubt wird - in Stollen, die tief in den Berg getrieben werden.

Von Braun kennt die Umstände, er weiß von den Zwangsarbeitern, er beteuert aber stets, bei seinen Inspektionen keinen Toten und keine Misshandlungen gesehen zu haben. Er, der unpolitische Wissenschaftler, fühlt sich nicht verantwortlich. "Als er merkte, dass das alles mit der Versklavung und Ermordung Tausender von Menschen bezahlt wurde - was er weder gewollt noch angeregt hatte -, war er unglücklich, vielleicht sogar bestürzt. Aber es brachte ihn nicht von seinen Raketenplänen oder seinen Zielen ab", sagt Michael Neufeld.

Seine Ziele verliert der Raumfahrtnarr auch nicht aus dem Blick, als sein gewohnter Geldgeber wegbricht. Wenige Tage nach Hitlers Tod, von Braun ist zusammen mit Getreuen nach Oberjoch im Allgäu geflüchtet, schickt er seinen Bruder Magnus los - mit einem Fahrrad, an dessen Lenker ein weißes Taschentuch geknotet ist. Magnus soll dem US-Militär die Kapitulation der deutschen Raketenbauer übermitteln.

"Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen"

100. Geburtstag des Raketeningenieurs Wernher von Braun

Der Vater der Raumfahrt und der US-Präsident: Raketeningenieur Wernher von Braun (links), US-Präsident John F. Kennedy (Mitte) und Vizepräsident Lyndon B. Johnson im September 1962 im Montagewerk einer Saturn-Rakete in Huntsville (USA).

(Foto: dapd)

Als er kurz danach überläuft, sagt Wernher von Braun: "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren, dieses Mal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen." Abermals spielt er die Karte des unschuldigen Wissenschaftlers. Die Amerikaner glauben ihm nur allzu gerne, schließlich sind sie auf der Suche nach guten Wissenschaftlern. Bereits drei Monate später landet der Vater der V2 an Bord einer Militärmaschine in den USA. 126 Kollegen aus Peenemünde folgen ihm. Wernher von Braun hat eine neue goldene Kuh gefunden.

Im Auftrag des US-Militärs verbessert er die V2 und entwirft eine Mittelstreckenrakete für Atombomben. Viel lieber wirbt der Physiker aber für seinen großen Traum, die bemannte Raumfahrt: Er veröffentlicht visionäre Zeitschriftenartikel, berät Walt Disney bei Filmen über das Weltall, infiziert die USA mit dem Raumfahrtfieber. Und als Präsident John F. Kennedy, gedemütigt von der fehlgeschlagenen Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961 nach einem Trumpf im Kalten Krieg sucht, ist Wernher von Braun zur Stelle: Der Mann, der mindestens zweimal persönlich bei Hitler für sein Raketenprogramm geworben hat, findet nun das Gehör eines demokratischen Präsidenten der USA.

Der 20. Juli 1969 wird zum Tag seines Triumphes. Seine Träume aus frühester Jugend gehen in Erfüllung: Angetrieben von der mächtigen, 110 Meter hohen Saturn V, die unter seiner Leitung gebaut wurde, landen die ersten Astronauten auf dem Mond.

Im Örtchen Huntsville in Alabama, wo von Brauns Raketenschmiede steht, wird der Deutsche auf Schultern durch die Straßen getragen. Auch heute, mehr als 40 Jahre später, gilt er in der amerikanischen Öffentlichkeit noch immer als Held - allen Nazi-Enthüllungen zum Trotz. Im Raumfahrtmuseum von Huntsville haben sie Wernher von Braun einen gläsernen Schrein gebastelt. Sein Schreibtisch ist dort zu sehen, sein Ledersessel und der aus Peenemünde mitgebrachte Rechenschieber. Die Arbeit in Hitler-Deutschland wird der Form halber erwähnt. Sie interessiert ohnehin kaum jemanden. Viel lieber lassen sich die amerikanischen Besucher lächelnd vor einer ausgestellten V2-Rakete fotografieren.

Michael Neufeld hat wenig Verständnis für die ungetrübte Heldenverehrung. Doch auch für ihn steht fest, dass von Braun "der einflussreichste Raumflugpropagandist und Raketenkonstrukteur des 20. Jahrhunderts war". Ohne sein Charisma und seine brillanten Reden, ohne sein Organisationstalent und seine Begeisterungsfähigkeit wäre ein Projekt wie der Mondflug, bei dem zeitweise 400 000 Mitarbeiter beschäftigt waren, nicht möglich gewesen.

Wernher von Brauns Sehnsucht nach der Eroberung des Weltraums ist durch die Mondlandungen noch lange nicht gestillt. Er träumt weiter - von Raumstationen und Marsflügen. Doch die US-Regierung will dafür kein Geld mehr ausgeben. Resigniert verlässt der Ingenieur im Mai 1972 die Raumfahrtbehörde Nasa. Fünf Jahre später stirbt er an einem Krebsleiden.

Für seine Verstrickungen im Nazi-Regime hat er sich nie verantworten müssen. Er hat sich auch niemals dafür entschuldigt. Wahrscheinlich hat der besessene Ingenieur nicht einmal ein Problem darin gesehen. "Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension", soll von Braun einst gesagt haben. "Sie ist wie ein Messer. Wenn man sie einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht sie jeder auf seine Weise." Es ist die Verteidigung, die von Physikern - und vielen anderen Wissenschaftlern - nur allzu gerne vorgebracht wird.

War Wernher von Braun also Heiliger oder Teufel, Held der Raumfahrt oder Kriegsverbrecher? Michael Neufeld weigert sich, den Deutsch-Amerikaner mit solchen Etiketten zu versehen. "Diese Schwarzweißmalerei ist nur eine bequeme Ausflucht, um sich nicht mit seiner Zweideutigkeit und Komplexität befassen zu müssen", sagt Neufeld. "Von Brauns Leben ist aber auch ein Symbol für die Versuchung, einem verbrecherischen Regime zu dienen - mit dem einzigen Ziel Geld für eine Forschung zu bekommen, die einem wirklich am Herzen liegt."

© SZ vom 22.03.2012/mcs

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite