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Zwischen den Zahlen:Ganz alte Schule

Der Spitzler, der Liebesbrief-Schreiber, der Klassenclown: Die Videokonferenzen aus dem Home-Office wecken Erinnerungen an Verhaltensweisen aus dem Klassenzimmer - und zwar ungefähr der fünften Klasse.

Die Corona-Krise ist noch längst nicht überstanden, da überbieten sich Firmenbosse und selbsternannte Zukunftsstrategen schon mit Superlativen, was sie nicht alles bewirke: Ein "Brandbeschleuniger" für die Digitalisierung sei es, wenn nun alle von zu Hause aus arbeiteten und über "digitale Kanäle" kommunizierten. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: So neu ist das alles nicht. Denn in den Videokonferenzen zeigen sich Verhaltensweisen, die eher an die Lebensphase der Klassenbucheinträge und Fünfer in Mathe erinnern. Statt "New Work" gilt "oldschool".

Damit nicht alle Kollegen gleichzeitig vor ihren Bücherregalen und Kandinsky-Postern sitzend das Wort ergreifen, haben einige Firmen die Regel eingeführt, sich vorab per Fingerzeig melden zu müssen. Wie einst in der 2c bei Frau Schulte-Höverkamp. Während der Besprechung reden meist die gleichen, neben der Lehrerin, pardon, der Chefin, sind das die üblichen paar Wichtigtuer und der Klassenclown, der dröge Witze macht. Den Unvorbereiteten, der früher bei der Abfrage zum Banknachbarn lugte, erkennt man heute daran, dass er haarscharf an der Kamera vorbeischielt - und nebenbei googelt, worüber die anderen gerade reden.

Auch beim Zettelschreiben sollen Büromenschen schon erwischt worden sein. Ist während der Online-Teamsitzung plötzlich ein lautes Rattern zu vernehmen, haut der smarte Torben aus dem Projektmanagement gerade in die Tasten. Und richtet ein paar romantische Zeilen an Claudia aus dem Controlling: Willst du heute mit mir deine virtuelle Mittagspause verbringen? Ja? Nein? Vielleicht? Einen kleinen Unterschied gibt es dann aber doch zwischen Schule und Home-Office: Damals im Klassenzimmer wäre Torben womöglich nicht um eine Strafarbeit herumgekommen, hätte der strenge Lehrkörper die Liebesbotschaft abgefangen. In der Videokonferenz hingegen klickt er schnell auf die "Stummschalten"-Funktion, schaut beim Tippen weiter geschäftig in die Kamera und ist fein raus. Homeschooling ist eben doch besser als sein Ruf.

© SZ vom 09.05.2020

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