Zwischen den Zahlen:Durchsichtig

Der Kunde steht im Mittelpunkt, vor allem, wenn er seine Daten abliefert - am besten freiwillig. Besonders gut lassen sich Daten in geschlossenen Räumen erfassen, zum Beispiel auf Kreuzfahrtschiffen. Die Reeder üben schon.

Von Michael Kuntz

Früher zählte allein die Treue. Im Lebensmittelladen, und nicht nur dort, gab es Rabattmarken, die aussahen wie kleine Briefmarken und auch zum Abschlecken waren. Wer für fünfzig Mark eingekauft hatte, bekam 1,50 Mark ausgezahlt. Dafür hat es im Jahr 1951 immerhin eine Maß Bier gegeben. Was damals allein zählte, war die Treue zum Geschäft an der Ecke und bereits die wurde mit drei Prozent Rabatt honoriert. Seitdem hat die Welt sich deutlich verändert.

Einkaufen allein ist nicht genug. Der Kunde muss heute mehr über sich preisgeben, um etwa Payback-Punkte sammeln zu können. Er muss sich nackig machen, durchsichtig sein. Nun stört es manchen, im Computer eines Prämiensystems als wöchentlicher Käufer von Erdbeer-Joghurt mit reduziertem Fettgehalt abgespeichert zu werden. Andere versuchen Datenanalysten durch den gleichzeitigen Kauf von vollfetter Milchschokolade mit ganzen Haselnüssen zu irritieren. Doch die Verweigerer werthaltiger Infos bilden nur noch eine kleine radikale Minderheit. Und das Getue um Punkte im Wert von 0,01 Euro ist ja längst Steinzeit beim Data-Mining, der intelligenten Aufbereitung von Kunden-Gewohnheiten.

Der nächste Schritt ist die Einkreisung der Verbraucher mit Sensoren ("Beacons"), die wie Leuchtfeuer signalisieren, wo der Mensch sich bewegt und was er konsumiert. Besonders geeignet dafür sind geschlossene Welten und so ist es wohl kein Zufall, dass mehrere Reedereien ihre Kreuzfahrtschiffe mit dieser Technologie aufrüsten. Da lässt sich erfassen, ob der Gast erst ins Restaurant und dann in die Bar, aufs Oberdeck zum Joggen oder ins Unterdeck zum Schwimmen geht. Und den Spielsalon eher von links oder von rechts betritt. Übertragen auf Hotels, Einkaufszentren oder eigentlich fast alle Orte, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, für Zugangskontrollen oder Bewegungsprofile. Unterwegs lassen sich dann beiläufig Informationen über Landausflüge oder Sonderangebote in den Schiffs-Shops platzieren. Noch ist das ziemlich neu und sicher werden die ersten Kreuzfahrer sich voller Stolz an die elektronische Leine legen lassen. Kleine Belohnungen dürften reichen, um aus dem schnöden Datenchip ein Statussymbol zu machen, ziemlich durchsichtig.

Letztlich wird jeder Kunde bekommen, was er will, so funktioniert Wirtschaft. Wenn erst mal viele Kreuzfahrtschiffe mit Chiptechnik unterwegs sind, dann werden jene Ozeandampfer die wahre Exklusivität anbieten, auf denen keine Geräte, sondern menschliche Wesen die Wünsche der Gäste erkennen - und vielleicht sogar erfüllen.

© SZ vom 18.03.2017
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