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Zwangsarbeit:Leiden im Knast

Einweihung der Strecke Neustrelitz - Waren der DDR-Reichsbahn im Jahr 1961: Bei körperlich harten Arbeiten wie dem Streckenbau wurden oft politische Gefangene eingesetzt.

(Foto: Deutsche Bahn/Alfred Schulz)

Tausende politische Häftlinge in der DDR mussten als Zwangsarbeiter schuften, auch für Firmen im Westen. Auf Entschädigung warten sie bislang vergeblich.

Warum Michael Teupel in DDR-Haft landete? Sein Verbrechen war es, dass er die Freiheit suchte. Gleich mehrere Fluchtversuche über Ungarn und die damalige CSSR vor gut 35 Jahren scheiterten. Wegen versuchter Republikflucht wurde der damals 18-Jährige 1980 schließlich verurteilt und landete im gefürchteten Gefängnis von Brandenburg - einer Haftanstalt, die eigentlich vor allem für Schwerverbrecher gedacht war.

Für Teupel war das erst der Anfang eines Martyriums: Denn der politische Gefangene musste unter miserablen Bedingungen als Zwangsarbeiter auf dem Areal des Gefängnisses schuften und im Drei-Schicht-System Bahnwaggons zerlegen. "Wir haben schwere Bohlen aus den Güterwagen gerissen und verladen", erinnert sich Teupel. "Arbeitsschutz gab es so gut wie keinen." Dafür Schikanen. Teupel weigerte sich, nachts bei strömendem Regen die Gleise zu reinigen. "Zur Strafe musste ich in eine Stehzelle in Dunkelhaft." Erst nach einem Jahr hatte das alles ein Ende. Teupel wurde von Westdeutschland freigekauft. Noch heute leidet er unter posttraumatischen Störungen und muss täglich Medikamente nehmen. Er wurde 2010 zum Frührentner.

300 000 politische Gefangene soll es zwischen 1949 und 1989 in der DDR gegeben haben

Der Fall ist nur einer von Tausenden. Von 1949 bis 1989 soll es insgesamt 300 000 politische Gefangene in der DDR gegeben haben. Für alle bestand Arbeitspflicht. Fast immer ging es um Schwerstarbeit. Oft um Drill und Demütigung. Mal beim Zerlegen von Zügen, mal beim Verlegen von Schienen, mal im Braunkohle-Tagebau, mal beim Nähen von Kleidung. Die Unfallzahlen waren hoch, die medizinische Betreuung schlecht. Fast die Hälfte der Betroffenen führt spätere Gesundheitsschäden auf die Haft zurück.

"Es ging darum, Menschen zu brechen", sagt Michael Proksch. Der ehemalige Musikstudent wurde nach einer gescheiterten Flucht zu zwei Jahren Haft in Cottbus verurteilt. Er musste im Akkord Teile für Kameras und die Rüstungsindustrie herstellen. Die Fälle stehen für ein düsteres Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte, das bislang kaum aufgearbeitet ist. Dutzende westdeutsche Konzerne sollen von der Zwangsarbeit profitiert haben - wissentlich oder unwissentlich. Nur die wenigsten stellen sich jedoch bislang ihrer Verantwortung. Etwa die Deutsche Bahn: Sie hat als Erbe der DDR-Reichsbahn dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte aufarbeiten lassen und mit einem kürzlich veröffentlichten Bericht auch die Fälle Teupel und Proksch publik gemacht. Menschen seien unter teilweise haarsträubenden Bedingungen ausgebeutet worden, um die Planvorgaben des Regimes zu erfüllen, sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube. "Das ist ein Unrecht, das von der Deutschen Bahn benannt und nicht vergessen wird."

Auch Kaufhof hat eigene Verantwortung eingeräumt. Oder die schwedische Möbelkette Ikea: Sie hat 2012 eingestanden, dass politische Häftlinge und Strafgefangene Möbel für das Unternehmen herstellen mussten. Studien zeigen aber, dass auch zahlreiche andere Unternehmen aus dem Westen wohl von Zwangsarbeit profitierten. Viele tun sich allerdings mit der Aufarbeitung schwer. Opferverbände beklagen seit Jahren mangelndes Engagement von Politik und Wirtschaft. "Das Thema Zwangsarbeit von Häftlingen in der DDR hat in der öffentlichen Debatte bislang einfach keine Rolle gespielt", sagt Dieter Dombrowski, der Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e.V. (UOKG). "Wir sind von der Politik sehr enttäuscht, was die Opfer von Stasi und SED angeht", sagt der CDU-Politiker, der selbst als politischer Häftling Zwangsarbeit leisten musste. Eine staatliche Opferrente von 300 Euro ist der pauschal gezahlte Betrag für rechtswidrig erlittene Haft. Ihn erhalten 44 600 Opfer - insgesamt geht es um gut eine Milliarde Euro.

Eine Entschädigung der Wirtschaft für Zwangsarbeit, wie sie die Opferverbände fordern, ist nicht in Sicht. Bislang hat sich nur Kaufhof bereit erklärt, in einen Fonds für Zwangsarbeiter einzuzahlen. Auch die Bahn erteilte den Forderungen der Opferverbände bislang eine Absage. Es sei Aufgabe der Politik, eine Antwort auf die Frage nach der finanziellen Wiedergutmachung zu finden, heißt es dort. Für die Betroffenen ist das eine Riesenenttäuschung. "Wir fordern ja nicht mal eine generelle Entschädigung - vielen Opfern geht es inzwischen materiell gut. Wir fordern Hilfen für jene Härtefälle, die darauf dringend angewiesen sind", sagt Opfervertreter Dombrowski. Nun wollen die Opferverbände selbst aktiv werden und einen eigenen Fonds auflegen. An dem könnten sich dann zahlungswillige Unternehmen beteiligen. "Wir werden den Mitgliedsverbänden noch in diesem Sommer vorschlagen, in Eigeninitiative selbst eine Stiftung zu gründen", kündigt Dombrowski an.

Auch in der Politik werden die Forderungen für ein Umdenken lauter. "Bei der Aufarbeitung der DDR-Haftzwangsarbeit darf es keinen Schlussstrich geben", sagt etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner. "Das Leid dieser Opfergruppe des SED-Regimes muss endlich besser gewürdigt werden. Ikea und die Deutsche Bahn haben die dunklen Kapitel ihrer Unternehmensgeschichte konsequent durchleuchtet und dokumentiert. Damit können sie Vorbild für viele weitere Unternehmen sein", sagt Wegner und fordert: "Unternehmen, die von Haftzwangsarbeit profitiert haben, sollten gemeinschaftlich einen Fonds auflegen." Mit dem sollten eine verstärkte Forschungs- und Aufklärungsarbeit finanziert und soziale Härtefälle materiell bei Bewältigung der Haftfolgen unterstützt werden.

Für die Opfer wäre es eine späte Genugtuung. Seit Jahren gehen sie auch bei der Aufklärung in Vorleistung. Vor einigen Jahren kauften die Opfer das Cottbusser Gefängnis, um einen Ort des Gedenkens zu schaffen. Kosten: 400 000 Euro.

© SZ vom 14.05.2016
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