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Zimmermann:Der "Visionär" und die Sache mit dem Recht

Klaus Zimmermann hat das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW saniert - und mit unsauberer Verwaltungsarbeit in die Krise geführt.

Wenn man dem Mann gerecht werden will, ist eine Rückblende nötig. Klaus Zimmermann, damals 47 Jahre alt, übernahm am 1. Januar 2000 den Präsidentenposten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, kurz DIW genannt.

Klaus Zimmermann, ddp

Klaus Zimmermann: "Ich lasse mich von Fakten treiben, nicht von wirtschaftstheoretischer Ideologie"

(Foto: Foto: ddp)

Das damals schon 75 Jahre alte Institut hatte eine große Tradition, aber nur noch geringe Bedeutung. Seine Forscher waren in den wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften so wenig präsent wie in der Öffentlichkeit; ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich, dass manche Abteilungen an eine schlecht geführte Behörde erinnerten, in der ein ungeschriebener Leitsatz des Beamtenrechts gilt: Nicht auffallen, dann kann man nicht reinfallen.

Zimmermann verstand sich als Sanierer, ohne sich so zu nennen. Er schloss die Abteilung "Verkehr und Regionalpolitik", weil er auf dem Höhepunkt der New Economy sah, dass das ältliche Thema keinen mehr mitriss. Er reformierte andere Abteilungen und trieb die Mitarbeiter dazu an, in englischsprachigen Journalen zu veröffentlichen. Zimmermann navigierte das DIW durch einige Finanzkrisen und baute ein Doktorandenprogramm auf. Er etablierte eine Beratungs-Tochterfirma und sogar eine Dependance in Washington. So weit die Leistungen.

Hohe Abfindungen

Wenn man den Wissenschaftsmanager Zimmermann mit den Augen eines Kontrolleurs von außen sieht, ändert sich das Bild. Dann stellt man fest, was der Landesrechnungshof Berlin jetzt in einem dramatischen Gutachten über die gesamte Amtszeit des Chefs festgestellt hat: Der DIW-Präsident hat sich um das Recht recht wenig gekümmert. Er hat Beraterverträge vergeben, in denen nur das Honorar, nicht aber der Auftrag präzise bestimmt war.

Er hat an geschasste Mitarbeiter zu hohe Abfindungen bezahlt und in Washington eine juristisch heikle Niederlassung errichtet: Formal ist das dortige Institut DIW DC selbständig; de facto läuft aber nichts ohne Zimmermann, der hier wie dort aktiv ist und manchmal sogar Verträge mit sich selbst abschließt - wenn nämlich der Berliner Präsident Zimmermann mit dem Washingtoner Aufsichtsrat Zimmermann eine Vereinbarung trifft.

Prüfer des Rechnungshofs schätzen solche "In-sich-Geschäfte" nicht. Allerdings fällt im Bericht nie der Vorwurf persönlicher Bereicherung - die vor einigen Tagen in manchen Medien kolportierten Washington-Dienstreisen Zimmermanns stehen gar nicht im Report des Rechnungshofs.

Zimmermann, 1952 geboren, studierte in Mannheim Volkswirtschaftslehre und lehrte an den Universitäten München und Bonn. Schon an der Münchner Uni begegnete er Hans-Werner Sinn, dessen Fähigkeit zur Pointe und zur Polemik ihm fehlt, weshalb nicht Zimmermann zum bekanntesten deutschen Ökonomen aufstieg, sondern sein ewiger Konkurrent Sinn.

Anders als der neoliberale Münchner fühlt sich der DIW-Chef keiner ökonomischen Schule zugehörig: "Ich lasse mich von Fakten treiben, nicht von wirtschaftstheoretischer Ideologie", sagte er einmal in einem Interview. Immer wieder positionierte er sich ein wenig anders, als man es vom linksliberalen DIW erwartet hätte.

"Visionär" - mit Kontrollbedürfnis

So warnte er, dass Mindestlöhne die Marktwirtschaft "in den Grundfesten beschädigen" würden; auch entließ er den keynesianischen Konjunkturforscher Gustav Horn, der danach dem DIW erfolgreich Konkurrenz machte: Mit seinem neuen Institut nahm Horn dem DIW die prestigeträchtige Beteiligung an den Konjunktur-Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium ab - ein Desaster für den DIW-Chef.

Zimmermann sieht sich als "Visionär", der sein Institut in eine große Zukunft führt. Bislang hoffte er, dass das DIW im Jahr 2011 wieder zu den Gutachtern gehören würde - ein Traum, der sich wegen des Rechnungshof-Berichts nicht erfüllen dürfte. Zu den anstrengenden Eigenschaften des Visionärs gehört sein Kontrollbedürfnis, wie Kollegen berichten. Die meisten engen Mitarbeiter halten es nicht lange in seiner Nähe aus: In Zimmermanns zehn Amtsjahren gab es - gemäß den DIW-Jahresberichten - vier Geschäftsführer, vier Kommunikationsverantwortliche, fünf Personalchefs, fünf persönliche Referenten und sieben Verwaltungsleiter. Kontinuität, die nach der Sanierung zur Jahrhundertwende nötig gewesen wäre, sieht anders aus.

Bis zum 4. Januar muss Zimmermann den Bericht des Rechnungshofs beantworten; sein Brief geht an das Land Berlin, das sich mit dem Bund den jährlichen 15-Millionen-Zuschuss für das DIW teilt. Wochen der Unruhe und Angst drohen dem Institut, zumal die Prüfer seit dem Jahr 2000 ein "Beanstandungspotential von gut sieben Millionen Euro" sehen. Auf Deutsch: Diese Summe könnten Berlin und Bund zurückfordern. Die Berliner Grünen forderten am Freitag Zimmermanns Rücktritt. Der DIW-Chef orakelte in einem Interview: "Geht diese Diskussion in dieser Form weiter, kann man das Institut schließen."

Wenn er sich da bloß nicht täuscht. Das Institut mag zwar in der Konjunkturforschung Renommee verloren haben, doch seine Schließung wird niemand erwägen - zu viele exzellente Forscher, zum Beispiel bei den Themen Armut, Familie und Steuern sowie bei der langfristigen Bürgerbefragung Soep arbeiten am DIW. Derzeit geht es nicht um die Zukunft des Instituts, sondern um die Zukunft des Chefs. Dass Zimmermann da nicht klar trennt, sagt viel über ihn.