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Zalando:Jogginghose im Päckchen

File photo of parcels of Europe's biggest online fashion retailer Zalado displayed during a media presentation in Berlin

Kunden kauften häufiger Kosmetik und gemütliche Klamotten - und schickten weniger zurück.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Innenstädte verwaist, Modeläden geschlossen: Der Online-Händler Zalando hat viele Neukunden gewonnen.

Von Elisabeth Dostert

Keine Warteschlangen vor Umkleidekabinen und Kassen, wo sich Kunden näher kommen als 1,50 Meter. Aus Sorge um ihre Gesundheit erledigten viele Menschen in den vergangenen Monaten ihre Einkäufe online zu Hause. "Die Corona-Pandemie hat den Wandel beschleunigt", sagt Lars Hofacker, Online-Experte des Kölner Handelsinstituts EHI. "Vieles, was im Handel vor der Pandemie undenkbar oder unzumutbar für die Mitarbeiter erschien, war plötzlich und schnell möglich." So konnten etwa beim Lebensmittelhändler Rewe oder bei der Drogeriemarkt-Kette dm Kunden ihre online bestellte Ware binnen weniger Stunden an Pop-up-Stationen oder im Laden abholen. Zulegen konnten laut Hofacker vor allem Firmen, die schon vor der Pandemie Waren über Plattformen wie Amazon oder den eigenen Online-Shops verkauft haben. "Für manche Modehändler, die ihre Geschäfte schließen mussten, war das der einzige Weg, überhaupt noch ihre Kunden zu erreichen", sagt Hofacker.

Das zeigt sich auch in den jüngsten Quartalszahlen des Online-Händlers Zalando. Mehr als drei Millionen Menschen bestellten von April bis Juli zum ersten Mal bei Zalando. Die Zahl der aktiven Kunden lag zur Jahresmitte europaweit bei gut 34 Millionen, das ist rund ein Fünftel mehr als vor Jahresfrist. Als aktiv gelten Kunden, die in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal bei Zalando eingekauft haben. Deutlich stärker als die Zahl der Kunden stiegen die Bestellungen, fast 47 Millionen gingen ein, knapp 29 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Allerdings kaufen die Kunden anders ein als vor der Pandemie, heißt es im Halbjahresbericht. Der Anteil "bedarfsorientierter Kategorien" war höher als der "anlassorientierter". In weniger hölzernen Worten heißt das: Im Home-Office machen es sich die Menschen bequem. Klamotten für Partys, Geburtstagsfeste und Hochzeiten wurden nicht gebraucht, weil die ganz oder zumindest kleiner ausfielen.

Das Bruttowarenvolumen legte im zweiten Quartal um ein Drittel auf 2,7 Milliarden Euro zu. Auf die Kennziffer legt Zalando großen Wert, weil sie zeigt, dass die Grenzen zwischen dem Handel über das Internet und im Laden vor Ort durchlässig sind. Im Bruttowarenvolumen sind auch die Umsätze von Partnerunternehmen enthalten, die ihre Ware in die Shops von Zalando einstellen, aber im Besitz der Ware bleiben. Die Zahl der Partner bezifferte eine Sprecherin auf "mehr als 420", darunter Marken wie Adidas oder Mango. Allein im zweiten Quartal seien 180 dazugekommen. In den Bruttowarenumsatz fließen auch die Umsätze der sogenannten Connected-Retail-Partner ein, über die zum Beispiel stationäre Händler sowie mittlere und kleine Marken ihre Ware über den Online-Shop von Zalando anbieten können. Derzeit seien mehr als 2000 Einzelhändler an die Plattform von Zalando angebunden. Das Geschäft mit Partnern will das Unternehmen massiv ausbauen.

Der Umsatz des Konzerns über die eigenen Kanäle legte im zweiten Quartal um gut 27 Prozent zu, auf zwei Milliarden Euro. Das operative Ergebnis hat sich mit 198,4 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Im ersten Quartal hatte Zalando 113 Millionen Euro Verlust gemacht. Im ersten Halbjahr 2020 stieg der Umsatz um knapp 20 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro und das operative Ergebnis um 16 Prozent auf gut 85 Millionen Euro. Schon Mitte Juli hat Zalando die Prognose für das Gesamtjahr 2020 angehoben. Seit Anfang April hat der Aktienkurs von gut 34 Euro auf gut 67 Euro am Dienstag zugelegt.

"In den vergangenen Monaten haben die Menschen gelernt, den Online-Handel zu schätzen", sagt Handelsexperte Hofacker. Das Geschäft mit Mode im stationären Handel sei schon vor der Pandemie schwierig gewesen. Sie offenbare jetzt noch stärker die Defizite. Der Druck wachse, die Kunden über alle Kanäle zu bedienen, im Laden, über den eigenen Shop oder Plattformen. "Das ist allerdings keine Garantie, dass man überlebt. Für die einen wirkt Corona als Booster für die Digitalisierung - für die anderen wird es ein Ende mit Schrecken."

© SZ vom 12.08.2020

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