Wirtschaftsnobelpreis für Jean Tirole:Bescheiden, freundlich, hilfsbereit

Lesezeit: 3 min

French economist Jean Tirole speaks during a news conference at the Toulouse School of Economics in Toulouse

Die Themen von Jean Tirole sind Monopole und die Macht der Konzerne. Deren Auswirkungen bekommen Verbraucher oft ganz unmittelbar zu spüren.

(Foto: Reuters)

Jean Tirole ist nicht der Popstar der Ökonomie. Er vertritt ein sperriges Fach und komplizierte Themen, die aber wichtig sind: Es geht um Macht.

Von Hans von der Hagen

Da hatte Dekan Martin Peitz von der Universität Mannheim doch einige Weitsicht bewiesen, als er vor fast genau drei Jahren formulierte: "Ich wäre nicht überrascht, diese international renommierten Volkswirtschaftler in der Vorschlagsliste für den nächsten Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften wiederzufinden."

Einer der damals mit einer Ehrendoktorwürde Geehrten war Jean Tirole. In diesem Jahr erhält er nun tatsächlich den Nobelpreis, für seine "Analyse der Macht der Märkte und der Regulierung". Eine Besonderheit ist das gleich aus mehreren Gründen: Erstens kommt Tirole aus Frankreich, also aus Europa - von den insgesamt 74 bisherigen Preisträgern kamen bislang knapp zwei Drittel aus den Vereinigten Staaten und lediglich 23 Personen aus der alten Welt. Zudem gab es in den vergangenen Jahren kaum noch einzelne Preisträger - zuletzt 2008 Paul Krugman. Meistens wurde der Preis geteilt.

Der 61-jährige Tirole gehört zu jenen Ökonomen, die schon länger für einen Nobelpreis in Betracht gezogen wurden, obschon sein Fachgebiet, die Industrieökonomik, sperrig ist. Es geht dabei vor allem um Wettbewerb - um Märkte und das Verhalten von Unternehmen in diesen Märkten. Konkret werden dann Fragen wichtig wie: Wann sollen Fusionen erlaubt werden? Wann droht die Macht einzelner Konzerne zu groß zu werden? Oder wann sind Verträge zwischen Firmen so nachteilig für Konsumenten, dass sie verboten werden sollten?

Die Macht der Konzerne bändigen

Daneben beschäftigt sich Tirole mit der Regulierung von Unternehmen, also der Frage, wie Firmen mit viel Macht - etwa ehemalige Staatsbetriebe, Monopolgesellschaften oder die großen Energieversorger - gebändigt werden können.

Ist es Zufall, dass Tirole ausgerechnet jetzt, wo so viel über die Regulierung von Banken und Konzernen geredet wird, den Nobelpreis erhält?

"Ja", sagt Volker Nocke, der selbst Industrieökonom an der Universität Mannheim ist und Tirole und dessen Arbeit gut kennt. Schon 1988 habe Tirole mit "The Theory of Industrial Organization" ein Buch veröffentlicht, das bis heute Maßstäbe setze. Die Regulierung sei in den 1980er Jahren ein wichtiges Thema gewesen, weil seinerzeit viele staatliche Monopole zu privaten Monopolgesellschaften wurden - also zu Unternehmen, die in ihren Märkten keine Konkurrenten hatten. Die Furcht war damals wie heute groß, dass diese Firmen die damit einhergehende Macht zum Nachteil von Verbrauchern oder anderen Gesellschaften ausnutzen könnten.

Tirole hat in der Industrieökonomie viel bewegt, er führte vor allem wichtige spieltheoretische Methoden in das Fach ein. Es gebe kaum jemanden, der so breit auf höchstem Niveau publiziert habe, sagt Nocke. Insofern sei es nicht leicht, sein Werk fokussiert zu beschreiben. In einem von Tirols Artikeln, den Nocke für bedeutend hält, geht es beispielsweise um die Frage, was die Effekte einer sogenannten vertikalen Fusion sein könnten. Von einer vertikalen Fusion wird gesprochen, wenn etwa ein Autohersteller einen Zulieferer kauft.

Das sei ein Bereich, in dem Gerichte sich immer noch gerne von den eher neoliberal geprägten Ideen der Chicagoer Schule leiten ließen. Die wiederum besagt: Vertikale Fusionen haben keine negativen Auswirkungen für die Konsumenten, weil auf diese Weise Marktmacht gar nicht ausgeweitet werden könne - anders also als bei einer Fusion zweier Konzerne, die ähnliche Produkte herstellen. Tirole kam hingegen zum Schluss, dass vertikale Fusionen sehr wohl Nachteile für die Konsumenten bergen könnten. Insofern stehe Tirole für die sogenannte Post-Chicago-School, sagt Nocke.

Theorie nah am Verbraucher

Klingt theoretisch? Vielleicht. Aber wie sehr sich Konzerne mühten, durch die Hintertür mehr Macht zu erhalten, zeigte erst vor wenigen Monaten die Telekom. Sie wollte eine Obergrenze für das Daten-Volumen in der Internet-Flatrate durchsetzen. Der Trick: Beim Download sollte die Datenmenge für eigene Produkte wie Internetfernsehen nicht angerechnet werden. Insofern drohten die Anbieter vergleichbarer Produkte durch diese Regelung benachteiligt zu werden. Probleme wie diese sind es, mit denen sich Tirole auseinandersetzt.

Der neue Nobelpreisträger lehrt an der Universität Toulouse und hat dort einen der führenden Lehrstühle für Industrieökonomik aufgebaut. Tirole hat mit seinem profunden Werk ganz entscheidend dazu beigetragen, dass sich zumindest in diesem Feld Toulouse mühelos mit den besten Wirtschaftsschulen der Welt messen kann. Jetzt natürlich erst recht.

Kritik am Preis

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wird, anders als die übrigen Nobelpreise, von der schwedischen Reichsbank verliehen. Formal heißt er denn auch nur: "Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Gedenken an Alfred Nobel". Für ihn gelten zwar die gleichen Auswahlkriterien wie für die übrigen Nobelpreise, gleichwohl wird schon seine bloße Existenz immer wieder kritisiert - erst recht, weil Alfred Nobel einst in einem Schreiben an seinen Bruder Ludvig bekannte: "Es gibt nicht einen einzigen Grund dafür, dass ich, der keine Ausbildung in der Führung eines Betriebes hat, und der ich dies mit ganzem Herzen hasse, mit solchen Sachen gepeinigt werden sollte, die ich ebenso gut beherrsche wie der Mann im Mond."

Und Friedrich August von Hayek, selbst Preisträger 1974, sagte bei der Verleihung, dass dieser Preis einem Einzelnen so viel Autorität verleihe, wie sie in der Ökonomie niemand haben dürfe. Es war aber vor allem eine Mahnung an die Medien und Politiker: Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften belege nicht, dass der Geehrte omnikompetent in allen Gesellschaftsfragen sei.

Tirole selbst dürfte sich wohl kaum für omnikompetent halten. Nocke sagt, der Franzose sei ein "sehr bescheidener, sehr freundlicher und sehr hilfsbereiter Mensch". Vielleicht hilft das auch dem Ansehen des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB