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Wirtschaftselite in Davos:Endlich wieder optimistisch

44th Annual Meeting of the World Economic Forum

Einmal im Jahr trifft sich die globale Wirtschaftselite im Schweizer Skiort Davos.

(Foto: dpa)

Der "Davos Man" treibt sich jeden Januar zum elitären Wirtschaftstreffen in Davos in Edelhotels herum, hasst Grenzen und kennt keine nationalen Loyalitäten - so hat ihn der Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschrieben. Was aber denken die Davos-Männer und Davos-Frauen tatsächlich?

Von Ulrich Schäfer, Davos

Der "Davos Man" ist kein Yeti, kein Ötzi - aber doch ein bisschen sonderbar. Er trägt dicke Winterstiefel und einen schwarzen Anzug, tippt ständig in sein Smartphone, und wenn man ihn treffen will, geht man am besten ins "Belvedere", das edelste Hotel von Davos. Dort findet man den "Davos Man" in den vielen Lounges und Bars, die einige der größten Wirtschaftsunternehmen der Welt dort eingerichtet haben. Das "Belvedere" ist seit Dienstag für fünf Tage so etwas wie der Nabel der globalisierten Welt.

Der "Davos Man": Diesen Begriff hat der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington geprägt - als Bezeichnung für jene globale Wirtschaftselite, die stets Ende Januar in die Schweizer Berge kommt und, so Huntington, Grenzen hasst und keine nationalen Loyalitäten kennt.

Was aber denken die Davos-Männer und Davos-Frauen tatsächlich?

Alljährlich versucht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC dies in einer großen, weltweiten Umfrage herauszufinden, und in den vergangenen Jahren war das bisweilen fast ein Besuch auf der Couch: Seit dem Lehman-Crash überwog die Depression. Doch das ist weitgehend vorbei. Insgesamt 1344 Vorstandschefs aus 68 Ländern hat PwC diesmal befragt, und die Bosse sind erstmals seit fünf Jahren wieder halbwegs optimistisch. Knapp die Hälfte von ihnen glaubt, dass es mit der Weltwirtschaft in diesem Jahr aufwärts geht - doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.

"Es geht voran"

Die Firmenchefs wechseln "aus dem Überlebens-Modus in Wachstums-Programme", sagt der Chairman von PwC, Dennis Nally: "Die Dinge entwickeln sich deutlich besser, wenn auch noch nicht so gut wie vor der Krise." Ähnlich sieht es der US-Finanzinvestor Stephen Schwarzman, Stammgast in Davos: "Es geht voran. Aber noch nicht so, wie es sein sollte."

Besonders optimistisch sind die Firmenchefs, wenn sie auf Deutschland schauen. Die drittgrößte Industrienation des Landes gilt ihnen in diesem Jahr erstmals wieder als drittwichtigstes Land, um zu expandieren. Deutschland liegt damit wieder hinter China und den Vereinigten Staaten von Amerika - und vor Brasilien, das im vergangenen Jahr noch auf Rang drei lag.

Mehr Wachstum, das bedeutet zum Teil auch: mehr Jobs. Die Hälfte aller befragten Vorstandschefs gab an, dass sie in diesem Jahr zusätzliche Stellen schaffen wollen; ein Viertel aller Bosse will allerdings auch Stellen streichen. Ein großes Problem ist allerdings, dass Fachkräfte fehlen, gerade im Technologie-Sektor. "Obwohl die Arbeitslosigkeit hoch ist, finden wir nicht die Leute, die wir brauchen", sagt der Verwaltungsratsvorsitzende des italienischen Energiekonzerns Eni, Giuseppe Recchi.

Dennoch herrscht in den Chefetagen nicht bloß Zuversicht. Befragt nach ihren größten Sorgen, nannten die Firmenchefs vor allem drei Punkte, die letztlich alle zu Huntingtons "Davos Man" passen: Jeweils gut zwei Drittel der globalen Firmenlenker sorgen sich, dass die Staaten zu viel Regulierung schaffen, dass ihre Defizite überborden und das die Politik als Folge dessen die Steuern erhöhen könnte.

Und doch, so scheint es zu sein, ist auch der "Davos Man" bereit, sein Weltbild zu überdenken: 76 Prozent der Firmenchefs sehen sich nicht bloß ihren Aktionären und Kunden verpflichtet, sondern auch der Gesellschaft - ein Wert, der noch vor ein paar Jahren undenkbar war. Da huldigte die globale Wirtschaftselite noch geschlossen der Börse. Nun sagt nicht nur Accenture-Chef Pierre Naterme, wenn er auf das drängendste Problem der Gegenwart angesprochen wird: "Das ist die riesige Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Dadurch droht eine ganze Generation verloren zu gehen."

© SZ vom 23.01.2014

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