bedeckt München
vgwortpixel

Wie der spanische Ort Jávea mit der Krise umgeht:Ein Rebell räumt auf

Es war ein Spiel, das nur Gewinner kannte: Viele Familien im spanischen Küstenort Jávea sind durch den Verkauf von Ackerland reich geworden, Bauträger verdienten viel Geld. Bis die Krise kam. Heute sind 60 Prozent der Jugendlichen ohne Job. Der junge Bürgermeister, ein gelernter Fitnesstrainer, sucht nach einem Ausweg.

Einmal im Jahr brennt Jávea lichterloh. Die Feuerwehr spritzt unaufhörlich die Wände der Häuser rund um den Placeta del Convent von oben bis unten nass. Nur so kann sie das Feuer in Schach halten, das in hohen Flammen aus den überlebensgroßen Pappmaché-Figuren schlägt.

Es sind vor allem Politiker, die in den Figuren kunstvoll karikiert werden - seit die Krise in Spanien ausgebrochen ist, schmelzen auch die verzerrten Gesichter von Bankern in den Flammen. Es ist die "Nit dels Focs", die Nacht der Feuer. Die Jugendlichen des spanischen Küstenortes springen lachend durch den Strahl aus den Wasserschläuchen. Die Krise scheint für ein paar Stunden vergessen zu sein.

Am nächsten Morgen ist das Fest vorbei, die Asche vom Pflasterboden gewischt, doch Jávea brennt noch immer. Die 33.000-Einwohner-Stadt liegt in der Region Valencia, die von der Krise mit am schlimmsten getroffen ist. Die Arbeitslosigkeit liegt hier weit über dem spanischen Durchschnitt, die Jugendarbeitslosigkeit erreicht sogar schwindelerregende 57 Prozent.

Irgendwann musste das böse Erwachsen ja kommen

Die Bauindustrie machte in den guten Jahren etwa 40 Prozent der Wirtschaftsleistung der Stadt aus - davon abhängige Dienstleistungen wie Gärtnereien oder Möbelgeschäfte nicht eingerechnet. Doch seit die Immobilienblase 2008 platzte, herrscht Stillstand. Der einzige Baukran, den man im Umland des Städtchens sieht, ragt bewegungslos auf einem verlassen wirkenden Gelände eines Maschinenverleihs in den Himmel.

Jahrelang hat der Küstenort vom Bauboom Spaniens profitiert: Es war ein Spiel, bei dem es nur Gewinner gab. Und so überwucherten in den vergangenen zehn Jahren Villen und Apartmentbauten fast die gesamte Bucht und die darüberliegenden Hügel zwischen dem Cabo de la Nao bis zum Cabo de San Antonio. "Natürlich haben alle gewusst, dass irgendwann das böse Erwachen kommen muss", sagt Bürgermeister José Chulvi. Was er nicht ausspricht, ist, dass seine Vorgänger nicht den geringsten Anreiz hatten, das böse Spiel zu bremsen. Denn die Gemeinden kassieren in Spanien bei jedem Bauprojekt mit. Vier bis fünf Prozent des Grundstückswertes hat die Politik pro Umwidmung von Ackerland in Bauland eingestrichen.

Geld, das nicht gespart, sondern mit vollen Händen ausgegeben wurde: Jede Straße im Stadtzentrum wurde neu gepflastert, die Fassaden wurden restauriert. Wo früher ein staubiger Parkplatz war, öffnet sich heute die Einfahrt in eine Tiefgarage. Autos verirren sich nur selten in den Schacht, hin und wieder sieht man Touristen auf dem Weg zu den luxuriös ausgebauten unterirdischen Toiletten. Eine zweite Tiefgarage öffnet sich unterhalb der Bauruine des neuen Rathauses. Ihre spitz zulaufenden Giebel ragen wie ein Mahnmal in den Himmel. Bauzäune riegeln den Zugang ab, die Fenster starren leer auf die Bucht hinunter. Der vermeintliche Prestigebau war vor zwei Jahren fertig, dann kam die Krise - und es gab kein Geld mehr für die Möbel. Seither sucht die Stadt verzweifelt einen Mieter oder einen Käufer.