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Werbung:Schurke vom Dienst

Geht mit niemandem Mittagessen, mag Arschlöcher und pfeift auf Work-Life-Balance: Thomas Strerath, 49, Vorstand bei Jung von Matt.

(Foto: OH)

Thomas Strerath ist neu im Vorstand bei Jung von Matt, Deutschlands wichtigster Werbeagentur. Im neuen Job zeigt der einst so seriöse Mann einen bemerkenswerten Hang zum Skandal. Ob das Absicht ist?

Von Angelika Slavik

Es ist fast Mitternacht, Thomas Strerath sitzt im Halbdunkel in einem Veranstaltungsraum der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Das schummrige Licht verzerrt seine Gesichtszüge. Er sieht jetzt ein bisschen aus wie Jack Nicholson. Der junge Jack Nicholson, natürlich.

Es gibt viele Gründe, warum Jung von Matt die wichtigste Werbeagentur des Landes ist. Einer ist, logisch, die Werbung. Jung von Matt (JvM) macht Kampagnen, über die das ganze Land spricht. Oder sich manchmal auch aufregt. Das war so, als die Hamburger Bundeskanzlerin Angela Merkel unfreiwillig zum Werbegesicht für den Autohersteller Sixt machten, mit ziemlich unvorteilhafter Frisur. Es war auch so, als sie den Spruch "Geiz ist geil" erfanden für die Elektro-Handelskette Saturn; ein Satz, der den Zeitgeist auf den Punkt brachte, wie es Werbung nur ganz selten vermag. Und es war zuletzt so, als sie Deutschland mit der Weihnachtskampagne von Edeka irritierten: "Heimkommen" hieß der Spot. Er erzählt die Geschichte eines alten Mannes, der seinen eigenen Tod vortäuscht, um die in alle Welt verstreute Familie zu Weihnachten endlich an einen Tisch zu bekommen. Emotional schwerer Stoff dafür, dass Supermärkte doch eigentlich bloß Milch, Toast und Klopapier verkaufen sollen.

Das einst erfolgsverwöhnte Haus hat harte Jahre erlebt. Strerath soll den Spirit zurückbringen

Zum anderen aber kann man am Beispiel von Jung von Matt auch eine Menge lernen: Über die Schwierigkeiten, die ein Generationswechsel an der Spitze eines Unternehmens mit sich bringen kann, zum Beispiel. Oder über die richtige Balance zwischen Harmonie und Reibung. JvM, diese erfolgsverwöhnte, ja erfolgsgewöhnte Agentur hat zuletzt ein paar harte Jahre erlebt. Führungskräfte wechselten zur Konkurrenz. Der wichtigste Kunde Mercedes kündigte den Vertrag. Stellen wurden gestrichen. Ob das nur eine Episode ist in einer langen Geschichte der Erstklassigkeit oder der Anfang vom Ende, hängt maßgeblich von Thomas Strerath ab.

Ob ihm das klar ist? Strerath, dunkler Anzug, dunkles Shirt, weiße Sneakers, lächelt ein Jack-Nicholson-Lächeln. Natürlich ist es das.

Seit September gehört Strerath, 49, nun zum Vorstand dieser Agentur. In den vergangenen fünf Jahren, seit die beiden Gründer Jean-Remy von Matt und Holger Jung beschlossen haben, es sei an der Zeit für einen Generationswechsel, gab es eine Menge Unruhe in der Führungsetage. Damals, 2011, zog sich Holger Jung in den Aufsichtsrat zurück, stattdessen holten sie den Digitalexperten Peter Figge als neuen Vorstandssprecher. Figge veränderte vieles. Nicht allen gefiel das, auch nicht allen im Vorstand. Insgesamt arbeiten drei aus dem des einst fünfköpfigen Führungsgremiums heute bei der Hamburger Agentur Thjnk, bei der direkten Konkurrenz.

Jung von Matt hat, das darf man nicht vergessen, unter dem neuen Chef Peter Figge einige schöne Erfolge eingefahren und solide gewirtschaftet. Figge professionalisierte zahlreiche Arbeitsabläufe, er lüftete durch, wo sich der Staub breit gemacht hatte nach zwei Jahrzehnten des ungestörten Erfolgs. Aber er konnte sich nie begeistern für das, was diese Agentur eben auch ausgemacht hat: die Lust an der Reibung, den Hang zum Skandal. Das ganz große Drama. Unter Figge wurde diese Agentur, vor allem in der Außenwirkung, ruhiger. Manche fanden das gut. Manche nicht. Jean-Remy von Matt sagt: "Es war vielleicht ein bisschen zu ruhig in den vergangenen Jahren."

Deshalb gibt es jetzt neben Figge im Vorstand eben auch noch Thomas Strerath. Wenn man Strerath nach seiner Agenda bei JvM fragt, sagt er: "Regelbruch." Er ist hier jetzt der Mann fürs Drama.

Strerath war lange Jahre Chef des internationalen Netzwerks Ogilvy in Deutschland, ein hochseriöser Job. Doch seit er bei JvM anheuerte, pflegt er einen bemerkenswerten Hang zum Skandal. Nicht alles davon war geplant: Die Trennung von seinem alten Arbeitgeber wurde zu einem Fall für die Juristen. Dann, kurz nach seinem Amtsantritt, wurde ihm vorgeworfen, er habe in seiner Eigenschaft als Jury-Präsident beim Werbepreis Effie versucht, seinem neuen Arbeitgeber Jung von Matt eine zusätzliche Auszeichnung zuzuschustern. Natürlich war die Angelegenheit komplexer, aber der Eindruck, der entstand, war fatal: Es sah aus, als habe JvM es nötig, über unlautere Wege an Effies zu kommen. Das Amt als Jury-Präsident im Verband schmiss Strerath hin, aber auch der Start in den neuen Job war damit, nun ja, durchwachsen.

Es folgte eine Aufregung der nächsten: Strerath gab einer Unternehmensberatung ein Interview. In der Fassung, die dann verbreitet wurde, teilte er mit, man brauche in einem Unternehmen "auch Arschlöcher, Sie müssen sie nur gut managen". Weiters ließ er wissen, dass Kandidaten, die im Vorstellungsgespräch über ihre "Work-Life-Balance" reden wollten, bei ihm ohnehin falsch wären und dass die Generation Y, sinngemäß, verzogen und leistungsscheu sei, weil sie von den zahlreich vorhandenen Patchwork-Eltern verhätschelt worden wäre. Das sitzt.

Das Interview sei so nicht freigegeben gewesen, sagte Strerath später, aber da war die Botschaft schon in der Welt: Jung von Matt ist kein kuscheliger Arbeitgeber. Das ist im Kern nicht neu, aber doch ein gewagtes Statement in einer Branche, die um die besten Talente kämpfen muss.

Dazu kommt, dass das Verhältnis zwischen Strerath und seinem Kollegen Peter Figge kritisch beäugt wird. Kann es nicht immer nur einen Alpha-Mann geben? Beide betonen die langjährige Verbundenheit. Trotzdem wird im Haus getratscht: Darüber, dass man sie noch nie zusammen beim Mittagessen gesehen hat, zum Beispiel. Strerath sagt, er esse mit überhaupt niemandem zu Mittag. "Dafür bin ich einfach nicht der Typ."

Jean-Remy von Matt, der Gründer, aber ist wieder zufrieden, endlich. Er sagt: "Immerhin reden jetzt wieder alle über uns."

© SZ vom 16.04.2016

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