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Weltwirtschaftsforum:Geschäfte im Schnee

1971 veranstaltete Klaus Schwab erstmals eine Konferenz in Davos. Daraus wurde ein Erfolgsmodell, das aber durchaus umstritten ist.

Von Caspar Busse

General view shows the congress centre, the venue of the World Economic Forum in Davos

Schön hier: Blick auf Davos.

(Foto: REUTERS)

Das Geld für die erste Veranstaltung im Januar 1971 hatte sich Klaus Schwab von seinen Eltern und einigen Geschäftsleuten geliehen. Als einen der Redner gewann er einen Mann mit einem großen Namen: Otto von Habsburg, Publizist, angehender Politiker und vor allem Sohn des letzten Kaisers von Österreich. Öffentliche Aufmerksamkeit erregen mit Prominenten - dieses Konzept hält Schwab bis heute durch. 444 Teilnehmer verzeichnete die Veranstaltung 1971, die damals noch den wenig spektakulären Namen "European Management Symposium" trug, aber schon im gerade neu erbauten Kongresszentrum in Davos stattfand. Die Hoteliers in den Schweizer Bergen freuten sich über das gute Geschäft im ansonsten eher mauen Januar - auch das ist bis heute so. In dieser Woche findet das Treffen zum 50. Mal statt.

Klaus Schwab, der 1938 in Ravensburg geboren wurde und zunächst Professor für Unternehmenspolitik an der Universität Genf war, hatte damals eine Idee: Er wollte eine Plattform schaffen, bei der sich alle begegnen. "Ich dachte mir, Europa aufzurütteln, und den Leuten die fortschrittlichsten Managementkonzepte vorzustellen, sei eine gute Sache", erzählte Schwab mal. Damals kam auch der sogenannte Stakeholder-Ansatz in Mode. Ein Unternehmen ist danach nicht nur seinen Eigentümern, also oft den Aktionären, und der Gewinnmaximierung verpflichtet, sondern allen Beteiligten: Mitarbeitern, Politik, Öffentlichkeit und inzwischen auch der Umwelt. Was heute als selbstverständlich gilt, war damals neu.

So richtig glatt lief es aber nicht für Schwab. Die nächste Veranstaltung in Davos lief nicht wie erhofft, 1972 sah es bereits so aus, als ob er scheitern würde. Die Zahl der Teilnehmer ging zurück, Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank sollte die Veranstaltung leiten, sagte aber kurzfristig ab. Doch Schwab gab nicht auf und versuchte es 1973 und 1974 erneut - mit Erfolg. Die weltweite Wirtschaftskrise und der Ölpreisschock sorgten damals für Diskussionsstoff und Schlagzeilen. Die Zahl der Teilnehmer stieg auf 800, es war der Durchbruch. Es kamen in den folgenden Jahren nicht nur Manager und Wissenschaftler, sondern zunehmend auch Politiker nach Davos und sorgten für Glanz. 1987 erst gab Schwab dem Treffen den heutigen Namen: Weltwirtschaftsforum. Das Treffen war nun etabliert.

Schwab fing klein an, seine erste Mitarbeiterin war seine spätere Frau Hilde. Heute hat das Weltwirtschaftsforum weltweit rund 800 Mitarbeiter und verfügt über ein Budget von geschätzt 300 Millionen Euro. Der gebürtige Schwabe war schon immer auch ein guter Geschäftsmann. Früh gründete Schwab eine Stiftung, die dann als Veranstalter fungierte. Die Gemeinnützigkeit brachte vor allem steuerliche Vorteile, seit 2015 hat das Forum in der Schweiz offiziell sogar den Status einer internationalen Organisation, etwa so wie das Internationale Rote Kreuz. Das Forum ist im Lauf der Jahre zu einer weltweit aktiven Geldmaschine geworden.

Davos wird immer wieder als exklusives und allzu wirtschaftsnahes Treffen kritisiert, bei dem die Eliten unter sich bleiben. Die Mission des Forums lautet selbstherrlich "den Zustand der Welt zu verbessern". Finanziert wird es von rund 1000 Unternehmen, die als Sponsoren auftreten. Es gibt 120 strategische Partner, darunter auch deutsche Konzerne, der jährliche Mindestbeitrag liegt bei etwa 600 000 Franken. Normale Förderer zahlen etwa die Hälfte, daneben gibt es einfache Mitglieder, die mit deutlich weniger dabei sind. Die Sponsoren erhalten dafür Zugang zu den Treffen, teilweise auch Plätze in den Diskussionsforen sowie Informationen. Trotz der hohen Preise gibt es eine Warteliste. Das Forum lebt gut davon.

Angeblich werden nicht unbeträchtlichen Gewinne erwirtschaftet, die wieder investiert werden. Hoch über dem Genfer See liegt die Zentrale des Weltwirtschaftsforums. Der Bürgermeister von Cologny, einem Vorort von Genf, hatte vor dem Bau zur Bedingung gemacht, dass sich die Gebäude harmonisch in die Landschaft einfügen sollten. So ist die moderne Zentrale des Weltwirtschaftsforums vom See aus kaum zu erkennen. Von oben aus hat man einen fantastischen Blick, man kann das Gebäude der Vereinten Nationen erkennen, die Hauptverwaltung der Internationalen Arbeitsorganisation und die Zentrale des Europäischen Fußballverbands Uefa. Das Anwesen ist der größte Vermögenswert.

Einmal, im Jahr 2002, nach den Anschlägen auf das World Trade Center, traf man sich aus Solidarität in New York. Sonst findet die Veranstaltung im Januar stets in Davos statt. Eine schmucklose Ferienwohnung, die sonst wahrscheinlich leer stehen würde, kostet in dieser Zeit gerne mal mehrere Tausend Franken pro Woche. Für einen Konferenzraum in einem guten Hotel werden 20 000 Franken Miete für eine halbe Woche fällig. Viele Unternehmen laden zudem zu Abendveranstaltungen, Partys und Dinners, um Netzwerke zu pflegen. Manche errichten eigene Pavillons.

Auch das Weltwirtschaftsforum selbst setzt auf Glamour: Stars wie die Schauspieler Robert de Niro oder Leonardo DiCaprio, Opernsänger José Carreras, die Sängerin Shakira, der Sänger Bono der Rockband U2 und viele andere sollen Glanz verströmen. Schwab hat ein großes Adressbuch - fast alle kommen, wenn er ruft. Der 81-Jährige ist immer noch die zentrale Figur, an Abschied denkt er jedenfalls nicht.

Jassir Arafat behauptete, er habe seine Rede im Hotel vergessen, was aber gar nicht stimmte

Es gab seit 1971 auch viele historische Momente. Nur wenige Wochen nach dem Mauerfall fand in Davos im Januar 1990 ein historisches Gipfeltreffen statt: Bundeskanzler Helmut Kohl sprach in den Schweizer Bergen mit dem frischgewählten Ministerpräsidenten der DDR, Hans Modrow. Die beiden nutzten die Gelegenheit und diskutierten abseits des diplomatischen Protokolls zum ersten Mal über eine deutsch-deutsche Währungsunion. Dass die deutsche Einheit im Januar 1990 bereits so nahe war, ahnte damals kaum jemand.

1992 kam Nelson Mandela nach Davos, der zwei Jahre zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden war und bereits als Symbol für das Ende der Apartheid in Südafrika galt. Damals trat Mandela zum ersten Mal außerhalb seines Landes gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, auf. Ein Jahr später erhielten die beiden den Friedensnobelpreis.

Den größten Eklat gab es 2001. Der ehemalige israelische Regierungschef Schimon Peres und Palästinenser-Präsident Jassir Arafat betraten beide die Bühne. Arafat behauptete, er habe seine Rede im Hotel vergessen. Deshalb sprach zuerst Peres und plädierte für eine weitere Annäherung. Dann stand Arafat auf, zog doch seine Rede aus der Tasche und ließ völlig überraschend die Einigung mit den

Israelis platzen. Arafat hielt eine seiner aggressivsten Reden gegen Israel und machte damit alle Hoffnungen zunichte. Aus einer vermeintlichen Hochzeit sei eine Beerdigung geworden, stellte Peres noch auf der Bühne konsterniert fest.

Das Weltwirtschaftsforum lebte schon immer von den weltweiten Schlagzeilen - und vom Dialog. "Wenn Menschen sich physisch treffen, ist das immer sehr wichtig. Auch in der digitalen Welt ist das unverzichtbar, persönliche Kontakte sind immer ein Eisbrecher", sagt der ehemalige norwegische Außenminister Børge Brende, heute Präsident des Weltwirtschaftsforums, der die operativen Geschäfte führt. Und: "So etwas wie Davos gibt es nicht noch einmal."

© SZ vom 20.01.2020
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