Kommentar:Wasser ist nichts für Spekulanten

Uwe Ritzer

Uwe Ritzer ist strikt dagegen, dass Wasser zur reinen Handelsware wird. Illustration: Bernd Schifferdecker

Unser kostbarstes Lebensmittel wird in Deutschland immer knapper. Und in Chicago gibt es jetzt eine Terminbörse für Wasser. Eine ethische Grenze droht überschritten zu werden.

Von Uwe Ritzer

Mit Wasser kann neuerdings auf Gewinn spekuliert werden - wie mit x-beliebigen Rohstoffen. Seit Ende 2020 werden an einer der größten Börsen der Welt, der CME in Chicago, Termingeschäfte angeboten, sogenannte Futures mit meist vierteljährlicher Laufzeit über jeweils 12,3 Millionen Liter. Käufer und Verkäufer verpflichten sich dabei, das Wasser zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem vereinbarten Preis zu handeln. Das sorge für längerfristig stabile und somit berechenbare Wasserpreise, zum Beispiel für die Gemüsebauern im trockenen Kalifornien, sagen Befürworter. Allzu oft litten die Landwirte in Hitzeperioden unter schlagartig in die Höhe schnellenden Tarifen, was das Bewässern ihrer Felder verteuert.

Kritiker hingegen sehen in solchen Spekulationsgeschäften zu Recht eine ethische Grenze überschritten. Trinkwasser ist schließlich für das Überleben von Menschen unverzichtbar. Und was, wenn reiche Investoren Einfluss darüber gewinnen, wer zu welchen Konditionen wie viel Wasser zur Verfügung hat? Konsequent zu Ende gedacht, könnten Spekulanten allein mit diesem Hebel politische Systeme stürzen, ganze Staaten dirigieren und über Leben und Tod von Mensch und Natur entscheiden. Das alles darf nicht sein. Mit Wasser zu spekulieren, gehört global verboten.

Im wasserreichen Deutschland machen sich über solche Fragen bislang nur ein paar wenige Wissenschaftler und Naturschützer überhaupt Gedanken. Es ist ja auch alles so einfach und selbstverständlich. Man dreht den Hahn auf und das essenziellste aller Lebensmittel sprudelt - in beliebiger Menge, zu jeder Uhrzeit und zu überschaubaren Preisen. Und Mineralwasser, von Markenprodukten abgesehen, ist bei den Discountern Ramschware.

In den drei zurückliegenden Hitzesommern allerdings deutete sich an, dass all dies sich ändern wird. Plötzlich riefen immer mehr, kreuz und quer über die Republik verstreute Gemeinden den Wassernotstand aus. Sie organisierten Tanklastzüge, um die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen, verboten das Gießen von Gärten und Grünanlagen, Gartenpools durften nicht mehr befüllt und Autos nicht mehr gewaschen werden. Denn die Quellen, aus denen diese Kommunen normalerweise schöpfen, waren versiegt. Solche Fälle werden sich in Zukunft häufen, sagen Forscher und führen die Erderwärmung, den Klimawandel also, als Ursache an.

Gewiss, Deutschland wird nicht binnen weniger Jahre flächendeckend austrocknen, dazu gibt es noch zu viele wasserreiche Regionen, wie etwa das Voralpenland. Doch die Grundwasserpegel sinken, Bäche, Flüsse und Seen führen insgesamt weniger Wasser. Felder und Wälder sind beispielsweise schon jetzt vielerorts zu trocken. Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam meldete für den Dürresommer 2019 ein Wassermassendefizit von 43,7 Milliarden Tonnen. Die Niederschläge reichen nicht mehr aus, um die Speicher wieder zu füllen. Das Wasser versickert an der Erdoberfläche und dringt gar nicht erst in tiefere Bodenschichten durch.

Jeder Einzelne ist beim Wassersparen gefordert

Dort unten aber befinden sich jene oft mehrere Tausend Jahre alten Wasservorkommen, die eine Reinheit aufweisen, wie sie oberflächennahe Grundwasserschichten schon lange nicht mehr vorweisen können. Dort unten also, mehrere Hundert Meter unter der Erdoberfläche, spielt er sich genaugenommen ab, der Verteilungskampf zwischen Energieversorgern, Bergbau, Industrie und verarbeitendem Gewerbe, die zusammengerechnet drei Viertel des in Deutschland geförderten Wassers verbrauchen, den öffentlichen Versorgern, die etwa 20 Prozent beanspruchen, hinzu kommen Landwirtschaft und Mineralwasserhersteller.

Dieser Konflikt wird sich verschärfen, aktuell sind es die Mineralwasserhersteller, die unter Druck geraten. Ihre Entnahmerechte werden zunehmend beschränkt mit dem Hinweis, dass die öffentliche Versorgung klare Priorität habe. Das ist einerseits richtig, löst andererseits nicht das Grundproblem. Um mit schwindenden Ressourcen umzugehen, braucht es ein ganzheitliches Wassermanagement, einen großen Wurf. Es ist an der Zeit, dem Wasser mehr Wertschätzung und dem Umgang damit mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Ohne Nutzungseinschränkungen wird es allerdings nicht gehen. Es braucht aber auch Investitionen in die öffentlichen Netze, damit nicht Milliarden Liter Trinkwasser jedes Jahr aus maroden Leitungen im Boden versickern. Der Gewässerschutz muss forciert werden. Es braucht neben dem Trinkwassernetz in großem Umfang Brauchwassersysteme. Die Landwirte sollten denselben Eifer, mit dem sie regelmäßig nach staatlicher Hilfe bei dürrebedingten Ernteausfällen rufen, darauf verwenden, ihre Schadstoffeinträge in den Boden und damit in oberflächennahe Grundwasserschichten zu verringern. Und jeder Einzelne ist beim Wassersparen gefordert.

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