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Ökonomie:Forscher streiten über steigende Ungleichheit

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Wie Arme sich das Leben der Reichen vorstellen könnten: Familienausflug auf dem eigenen Boot auf dem Bodensee

(Foto: imago/Westend61)

Warum haben wenige Menschen viel mehr als andere? Der Ökonom Piketty schien eine Antwort gefunden zu haben, gilt nun aber als widerlegt. Aber was sind dann die Gründe?

Simon Kuznets wusste, wie spekulativ seine Arbeit war. Doch reicht ihr Einfluss bis in die heutige Zeit. Sie bereitete die Basis für eine Frage, die leider wieder wichtiger wird: die Frage nach der Ungleichheit. Anfang des 20. Jahrhunderts im Russischen Kaiserreich geboren, lehrte der Ökonom später in Harvard und erhielt 1971 den Wirtschaftsnobelpreis. Es war Kuznets, der erstmals volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen für die USA erstellte - das, was heute die Statistikämter machen. Seine Forschung schuf einen ersten Zugang zur Analyse der Einkommensverteilung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich Ökonomen dank Kuznets mit diesen Fragen auseinandersetzen, die wieder so wichtig geworden sind: Wer profitiert, wenn die Wirtschaft wächst? Wer hat wie viel und warum? Wie viel reicher sind die Reichsten in einer Gesellschaft und was folgt daraus?

Ohne Kuznets wäre auch der Erfolg des französischen Ökonomen Thomas Piketty nicht möglich gewesen. Nach jahrelanger Datenarbeit zur Einkommens- und Vermögensverteilung veröffentlichte er vor etwa zwei Jahren sein Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", ein internationaler Bestseller und absehbar eines der Werke, die als Wegmarken in der Geschichte der Wirtschaftsforschung stehen. Die Auseinandersetzung mit der sozialen Ungleichheit ist spätestens seitdem wieder populär; inzwischen erscheinen monatlich Schriften und Forschungspapiere zu dem Thema.

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Es ist unumstritten, dass die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in den Industrieländern seit Jahrzehnten wieder gestiegen ist. Kaum jemand bezweifelt noch, dass zu hohe Ungleichheit schädlich für das soziale Gefüge ist. Umstritten ist aber, welche Gründe für die so weit gewordene Kluft zwischen Arm und Reich verantwortlich sind. Nun hängt für die westlichen Gesellschaften viel davon ab, mehr über diese Gründe zu erfahren, zu wissen, wogegen sie politisch vorgehen müssen.

Piketty hat dafür viel geleistet. In seinem Werk erweitert er die Arbeit von Kuznets und widerlegt dessen wichtigste Theorie: Wächst die Wirtschaft, steigt mit der Industrialisierung und der wirtschaftlichen Entwicklung die soziale Ungleichheit zunächst an, um später wieder zu sinken.

Zu Zeiten traf das zu, er hatte den Prozess mit einer umgekehrt U-förmigen Kurve beschrieben. Die "Kuznets-Kurve" wurde berühmt, obwohl er betonte, wie ungenau seine Ergebnisse seien. Piketty zeigt, wie sich die Einkommen und Vermögen in den vergangenen 40 Jahren wieder auseinanderentwickelt haben, in Frankreich, in den USA, in Deutschland. Anders als von Kuznets suggeriert. Und er liefert eine Erklärung gleich mit, formuliert als universelles Gesetz kapitalistischer Volkswirtschaften: Die Ungleichheit sei gestiegen und werde weiter steigen, weil die Kapitaleinkommen schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft.

Das besagt Pikettys Formel r größer g. Während Kapitaleinkommen vor allem Reichen zugute kommen, durch Zinsen oder Dividenden, steigen die Löhne von Arbeitern und Angestellten nur mit der gesamten Wirtschaftsleistung oder langsamer. So konzentrieren sich die Vermögen immer stärker in Bevölkerungsgruppen, die ohnehin schon viel haben. Die Reichsten können ihr Vermögen meist überdurchschnittlich steigern, sagt Piketty, wie groß diese Möglichkeiten sind, haben etwa auch die Enthüllungen der Panama Papers gezeigt. Sein Maß für die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist der jeweilige Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung - allein das gilt als Schwäche seiner Analyse: Wie reich die Reichsten sind, schwankt im Lauf der Zeit, und wer heute zu den Superreichen gehört, ist morgen vielleicht schon nicht mehr dabei. Außerdem ist die Ungleichheit innerhalb der Gruppe der Reichsten fast genauso groß wie in der Gesamtbevölkerung.