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VW:30 Milliarden Euro für Elektroautos

VW steckt noch mehr Geld in neue Antriebsarten - und Konzernchef Diess konzentriert die Macht bei sich.

Volkswagen Werk Zwickau

Ab Ende 2019 laufen hier Elektroautos im Golf-Format vom Band: das VW-Werk in Zwickau.

(Foto: OH)

Die Zukunft ist teuer: VW will in den kommenden fünf Jahren 44 Milliarden Euro in E-Mobilität, autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienste investieren. Das beschloss der Aufsichtsrat am Freitag. Das sind zehn Milliarden Euro mehr, als VW bei der Fünf-Jahres-Planung 2017, also für den Zeitraum von 2018 bis 2022, veranschlagt hatte. Die neue Summe entspricht einem Drittel der geplanten Gesamtausgaben des Konzerns. "Wir nehmen uns vor, VW zur globalen Nummer eins in der E-Mobilität zu machen, sagte Vorstandschef Herbert Diess.

Der Großteil der Summe, konkret etwa 30 Millionen Euro, soll direkt in die E-Mobilität fließen, der Rest entfällt auf neue Mobilitätskonzepte wie den Shuttledienst Moia. Um das zu finanzieren, setzt der Konzern den Sparstift an: Die Effizienz müsse gesteigert werden, sagte Diess. Bei mehreren Marken gibt es Sparprogramme, zudem soll die Zahl der Werke, in denen Autos verschiedener Marken gefertigt werden, steigen. Autos, die ähnliche Bauteile verwenden, in einem Werk zu produzieren, soll Kosten sparen. Mindestens ein neues Mehrmarken-Werk soll in Osteuropa entstehen. "Unser Ziel ist es, die Produktivität im Werkeverbund bis 2025 um 30 Prozent zu steigern", sagte Diess. Auch die Kosten für Forschung und Entwicklung sollen von 2020 an sinken - trotz der Anstrengungen in Sachen E-Mobilität. In den kommenden zwei Jahren erwartet der Konzern zudem noch Belastungen aus der Dieselaffäre. Auch das zwingt zum Sparen.

Der neue Fokus auf den E-Antrieb hat umfangreiche Änderungen bei den einzelnen Produktionsstandorten zur Folge, vor allem an den Standorten in Emden, Zwickau und Hannover, die für die Fertigung von E-Autos umgerüstet werden. Der Bau von Elektroautos ist allerdings weitaus weniger komplex als der eines Fahrzeuges mit Benzin- oder Dieselmotor. Die Wertschöpfungstiefe sei etwa 30 Prozent geringer, sagte Diess. Folglich braucht man für die Produktion weniger Mitarbeiter. Wie viele Arbeitsplätze konkret wegfallen sollen, wollte beim Konzern niemand sagen. Es werde aber bis 2028 an den Standorten Emden und Hannover keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Der Stellenabbau erfolge "anhand der demografischen Kurve" - die Jobs von Mitarbeitern, die in den Ruhestand gehen, werden also nicht nachbesetzt. Bernd Osterloh, der wortgewaltige Chef des Konzernbetriebsrats, gab sich angesichts der Jobgarantie zufrieden: Bei VW gestalte man den Wandel "aus einer Position der Stärke heraus", sagte er.

Dennoch verunsichern die Umbaupläne viele Mitarbeiter vor allem in Deutschland. "Das ist auch eine emotionale Sache", heißt es im Konzernumfeld. In der Belegschaft gehe die Angst um, die Konzentration auf E-Autos könnte mehr Jobs kosten, als Mitarbeiter in den Ruhestand gingen. Dass eine massive Veränderung "auch Besorgnis auslöst, versteht sich von selbst", sagte Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil. Bei der IG Metall zeigte man sich trotz des geplanten Stellenabbaus versöhnlich. Es sei "richtig, dass das Unternehmen entschlossen die Elektrifizierung des Antriebs angeht", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. "Dieser Transformationsprozess wird aber von den Beschäftigten nur dann positiv begleitet, wenn dabei niemand auf der Strecke bleibt." Der Konzern müsse massiv in Geschäftsmodelle rund um die E-Mobilität und autonomes Fahren investieren, damit es "nicht zu Verwerfungen kommt".

"Wir können uns nicht davon verabschieden, uns an dieser Wertschöpfung zu beteiligen."

Keine Festlegung gab es zur Frage, ob der Konzern eine eigene Batteriefertigung aufbauen will. Man prüfe das aber "sehr viel konkreter" als bisher, sagte Diess. Asiatische Hersteller sind auf diesem Feld bislang weit in Führung, die Industriehersteller in Europa zurückhaltend. Allerdings ist die Batterie das wichtigste Teil in einem Elektroauto - und kostet viel Geld: Das liegt an den Rohstoffen. Metalle und Chemikalien im Wert von einigen Tausend Euro stecken in einer Fahrbatterie. Vier verschiedene Hersteller aus Korea und China liefern künftig die Energiespeicher - mit einem besonderen Fokus auf ein Joint Venture mit dem koreanischen Hersteller SK. Eine eigene Fertigung hat aber viele Fürsprecher. "Wir können uns gar nicht davon verabschieden, uns an dieser Wertschöpfung zu beteiligen", sagte Betriebsratschef Osterloh.

Während Diess davon spricht, dass VW auch wegen des Pariser Klimaabkommens auf E-Mobilität setze, erklärt Osterloh den Zusammenhang mit den Regularien: Wenn eine weitere Verschärfung der EU-Abgasnormen komme, "dann brauchen wir 18 weitere Batteriefabriken", um die Vorgaben einzuhalten.

Bemerkenswert an den Beschlüssen vom Freitag ist auch die Veränderung der Zuständigkeiten für das China-Geschäft. Künftig wird er Konzernchef Diess auch den Vorstandsbereich für diesen wichtigen Markt verantworten. Diess konzentriert also die Macht bei sich. Bislang hatte VW ein eigenes Vorstandsmitglied für China, Jochem Heizmann. Der gehe Mitte Januar 2019 in den Ruhestand, hieß es.

© SZ vom 17.11.2018