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Vorwürfe gegen Discounter:Mitarbeiter berichten von Mobbing

Bei vielen Discountern kommen Testkäufer zum Einsatz. Zum einen geht es darum, die Mitarbeiter zu sensibilisieren, an Minderjährige keinen Alkohol oder Zigaretten zu verkaufen. Zum anderen ist das Ziel von Testkäufen, "gerichtsfestes Material" zu sammeln, so nennen das die Aldi-Manager intern. Aus ihrer Perspektive ist es ideal, wenn jeder Mitarbeiter zwei Abmahnungen in der Personalakte hat. Wenn man ihn loswerden möchte, ist es nach ein paar Testkäufen aus. Wann die Tester zuschlagen, kann die Regionalverkaufsleiterin bestimmen; sie kennt die Schichtpläne.

Fast 20 Mal versuchen Testkäufer, Sznezana M. zu übertölpeln. Am 15. April beordert der Discounter Sznezana M. in eine andere Aldi-Region. M. muss mit der S-Bahn fahren, mehr als 40 Stationen im Bus sitzen und noch 15 Minuten zu Fuß gehen. Anwalt Weber legt Widerspruch ein. Am 4. Mai spricht das Arbeitsgericht Darmstadt eine einstweilige Verfügung aus, weil offensichtlich eine Betriebsratswahl verhindert werden sollte. Sznezana M. darf in ihrer alten Filiale bleiben. Die Situation ist angespannt. Freie Tage kann M. nur noch mit Begründung beantragen. Wenn sie zum Elternabend muss, hat sie dem Filialleiter eine Kopie der Einladung zu zeigen. Am 1. Juli bittet Regionalverkaufsleiterin W. Sznezana M. zum Gespräch in ihr Büro. W. habe sie als psychisch krank und schlechte Mutter bezeichnet, berichtet M. Jeder in der Filiale würde sie "hassen". Nach dem Gespräch bricht M. zusammen. Im Krankenhaus wird ein "Nervenzusammenbruch nach Mobbing" diagnostiziert. Aldi bestreitet diese Version.

Wie seit Wochen geplant, fahren Nenad. D., Aleksandar C. und Sznezana M. um den 20. Juli herum in Urlaub. Bei Aldi passiert derweil Sonderbares: Am 25. Juli tagt eine Wahlversammlung, auf der drei Filialleiter in den Wahlvorstand gewählt werden. Regionalverkaufsleiterin W. nimmt laut Protokoll auf Wunsch der Mitarbeiter an der Versammlung teil. Bei den Wahlen am 12. September konkurrieren zwei Listen. Eine Truppe Filialleiter - hat Aldi sie ausgesucht? Sie tingeln vor der Wahl durch alle vier Filialen. Die drei Kassierer jedenfalls dürfen vor der Wahl ihren Arbeitsplatz nicht verlassen, um für ihre Liste zu werben.

Am Wahltag muss jeder einzeln im Lager abstimmen. "Frau W. saß in ihrem Büro", sagt Nenad D. "Von dort kann sie die Kamera, die im Lager installiert ist, per Joystick bedienen." Aldi bestreitet das: "Eine Überwachung der an der Versammlung teilnehmenden Mitarbeiter fand ausdrücklich nicht statt." Vier Tage später verkündet der Wahlvorstand das Ergebnis: Aldi hat jetzt einen Betriebsrat, besetzt mit eigenen Filialleitern.

Anwalt Weber legt Widerspruch ein. Die Anfechtung der Betriebsratswahl soll im Januar 2012 stattfinden. Dazu kommt es nicht. Die drei Kassierer halten den Druck nicht mehr aus. Weber gelingt es, Abfindungen auszuhandeln. Ein freier Betriebsrat wäre schön gewesen, sagen die drei. Ihre Mission ist es nun, zu zeigen, wie Aldi wirklich ist.

© SZ vom 30.04.2012/bbr
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