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Versicherung:Fernsteuerung

„Wir haben die stärkste Vertriebsstruktur von allen. Natürlich werden wir auch unter Corona leiden, aber nicht so stark wie andere“, sagt Giovanni Liverani.

(Foto: oh)

Der Münchner Generali-Chef Giovanni Liverani saß 71 Tage im Ferienhaus in Norditalien fest und leitete von dort aus den deutschen Milliardenkonzern. Mit Erfolg, sagt er.

Kann man den zweitgrößten Privatkundenversicherer Deutschlands mit rund 9600 Mitarbeitern und 14 Milliarden Euro Umsatz von einem Ferienhaus aus leiten? Man kann, sagt Giovanni Liverani, Deutschlandchef des italienischen Versicherers Generali. Er hat das zehn Wochen lang getan. "Ich war in meinem Haus in Tarvisio in den Julischen Alpen, als der Lockdown erklärt wurde", berichtet Liverani, 56. "Da musste ich 71 Tage verbringen und durfte das Haus nur für den Einkauf von Lebensmitteln und für Arztbesuche verlassen. Das war ein wenig so wie eingesperrt sein." Nun handelt es sich bei dem Anwesen nicht um eine schlichte Hütte, sondern um ein 1749 gebautes Waldhaus. Dennoch: Liverani wäre lieber am Dienstsitz in München oder in der Zentrale in Triest gewesen.

Seit einigen Tagen ist er in Triest. "Wir dürfen innerhalb der Region reisen, aber nicht in andere Regionen", erklärt er. "So kann ich natürlich bislang auch nicht nach München." Er will erst dann zurückkommen, wenn er ohne Quarantäne reisen kann. "Aber wir haben die Firma ohne Probleme geleitet."

Es gebe in Deutschland und Italien eine ganz andere Wahrnehmung der Krise. Schließlich seien in Italien mehr als 30 000 Menschen gestorben. "Mein Bruder war infiziert und mit einer Lungenentzündung lange im Krankenhaus", sagt Liverani. Er sei jetzt wieder gesund.

Es mag diese Erfahrung sein, die jetzt zu größter Vorsicht bei der Wiederöffnung der Generali-Büros in Deutschland führt. Derzeit sind mehr als 90 Prozent der Belegschaft im Home-Office. "Wir werden bis zum 1. September 2020 dabei bleiben", sagt Liverani. Die graduelle Rückkehr danach werde mit starken Hygienemaßnahmen verbunden sein. "Wir werden sehr auf die Hygiene achten, werden Masken an öffentlichen Orten vorschreiben und die Büros oft desinfizieren." Zudem "raten wir vom öffentlichen Nahverkehr ab und bezuschussen die Nutzung von Fahrrädern und anderen Verkehrsmitteln." Und schließlich: "Wir werden ein Konzept für die Aufzüge durchsetzen, denn Aufzüge gehören zu den schlimmsten Infektionsquellen."

Das Ganze ist freiwillig, wer nicht will, muss nicht zurück. "Aber es gibt auch Mitarbeiter, die zurückkommen wollen, und wir dürfen auch sie nicht benachteiligen." Die Pandemie trifft sein Unternehmen vor allem durch die Wertverluste bei Kapitalanlagen. Die Schäden aus Corona sind bislang gering. Die Generali hat zwar Betriebsschließungsversicherungen an Hotels und Gastronomen verkauft, will aber für Schließungen wegen Corona nicht zahlen. "Wir haben schon immer Schäden bezahlt, die durch gültige Policen abgedeckt sind, und werden das auch weiter tun", verteidigt Liverani die Entscheidung. "Aber es gibt einige Kunden, in unserem Fall sind das sehr wenige, die eine Erstattung wollen, obwohl sie ihnen laut Vertrag eindeutig nicht zusteht." Würde der Versicherer zahlen, würde das Aktionäre und andere Kunden benachteiligen. Aber die Generali hat in Deutschland einen Fonds mit 30 Millionen Euro eingerichtet, um kleinere Firmen zu unterstützen. "Daraus haben wir in etwa 2000 Fällen helfen können."

Das Neugeschäft ist wegen der Pandemie zurückgegangen, "aber viel geringer, als ich befürchtet hatte", sagt Liverani. Die Generali verkauft ihre Policen über den Strukturvertrieb DVAG, an dem sie 40 Prozent hält. Liverani glaubt, dass die Krise starke Veränderungen für die Branche bringt - aber nicht, dass künftig weniger Menschen persönlich Versicherungen verkaufen. "Erfahrene Vermittler können mit modernen Werkzeugen mit dem Kunden interagieren", sagt Liverani. "Es geht nicht um digital oder persönlich, sondern um die Digitalisierung des persönlichen Vertriebs."

© SZ vom 03.06.2020

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